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Full text of "Robert Frank; Drama in drei Akten"

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university of 

Connecticut 

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Digitized by the Internet Archive 
in 2013 



http://archive.org/detaiis/robertfrankdramaOOibse 



.ROBERT FRANK 



DRAMA IN DREI AKTEN 
VON 

SIGURD IBSEN 



19 14 
S. FISCHER. VERLAG • BERLIN 



^44 



Deutsch von Julius Elias. 
Alle Rechte vorbehalten; den Bühnen gegenüber Manuskript. Das 
Aufführungsrecht für Deutschland und Österreich ist von Felix 

Bloch Erben, Berlin zu erwerben. 



PERSONEN 

ROBERT FRANK 
JULIA CAMERON 

LEVINSKI 

WINKELMANN 

PRÄTORIUS 

ULVELING 

BLIX 

EIN ALTER DIPLOMAT 

EIN DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 

EIN JUNGER DIPLOMAT 

DIE BOTSCHAFTERIN 

DIE HERZOGIN 

DIE GRÄFIN 

DER VERKEHRSMINISTER 

DER KRIEGSMINISTER 

EIN OFFIZIER 

EIN AMTSDIENER 

SYNDIKALISTEN 



ERSTER AKT 

Ein Salon in der amerikanischen Botschaft, An der Decke Fresken, 
An den Wänden Gobelins. Die Möbel vergoldet und mit Seide be- 
zogen. In der Mitte des Zimmers ein monumentaler Tisch im Rokoko- 
stiL Links eine Tür zu einem Nebensalon. Rechts Fenster mit 

schweren Vorhängen. 
Im Hintergrund eine Art Portikus^ durch dessen Säulen man in 
eine Halle blickt^ wo festlich gekleidete Herren und Damen prome- 
nieren. 
Hinter der Halle liegt der Ballsaal^ aber so weit entfernt^ daß das 

Orchester nur sehr gedämpft vernehmbar wird. 

Im Vordergrund rechts sitzt ein alter Herr im Gespräch mit einem 

Herrn in mittleren Jahren und mit einem jungen Mann. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Die kleine Tanagrafigur ? Nein, die war nicht mehr 
zu haben. Als ich zum Kunsthändler zurückkam, war 
sie verkauft, — an Mrs. Hunter natürlich. 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 

An Mrs. Hunter? Davon hat sie mir ja gar nichts 
gesagt. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Diese reichen Amerikaner sind unersättlich. Kaum 
hören sie von einer xbeliebigen Rarität, so haben sie 
das Ding auch schon. Sehen Sie sich nur einmal die 
Tischplatte dort an. Gearbeitet aus einem einzigen 
mächtigen Stück Malachit — man muß schon nach 
Rußland reisen, um was Ähnliches zu finden . . . 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 
Der Tisch kommt übrigens aus Paris. Ich war selbst 

- 7 - 



mit der Botschafterin im Hotel Drouot, wo sie ihn 
gekauft hat, — den Tisch sowie die flämischen Gobe- 
lins, die hier an den Wänden hängen. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Natürlich, — man sagt ja, Sie haben Gevatter ge- 
standen bei der ganzen Einrichtung hier. 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 
Zu viel Ehre. Mrs. Hunter zieht mich nur manchmal 
zu Rate, wenn es sich um Möbel oder Kunstgegen- 
stände handelt. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Sehr vernünftig von ihr. Geld haben sie im Über- 
fluß, die guten Amerikaner, aber sie haben wenig 
Ahnung, wie sie's anwenden sollen. 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 
Das möchte ich denn doch nicht behaupten. Aller- 
dings • — was den Botschafter betrifft, so liegen seine 
Interessen nicht gerade auf ästhetischem Gebiet. Sonst 
freilich — das muß man ihm lassen — ist er ein be- 
deutender Mann . . . 

DER ALTE DIPLOMAT 

Gott ja, ich weiß wohl — er gehörte zu den distin- 
giertesten Schweinemetzgern Chicagos. 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 

Er hat sich schon lange von den Geschäften zurück- 
gezogen. Und Mrs. Hunter stammt, wie ich Ihnen 
versichern kann, aus einer guten, alten Familie. 



DER ALTE DIPLOMAT 

Wenigstens sagt sie das selbst. 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 

Ich hab es auch von anderen gehört. Ich kenne 
Hunters von Washington — sie lebten schon damals 
auf sehr großem Fuß. Das ganze diplomatische Korps 
ging dort ein und aus. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Das alles hindert nicht, daß Mrs. Hunter es ab und 
zu an dem Takt fehlen läßt, der von einer Botschafterin 
verlangt wird. Denken Sie nur an die Geschichte mit 
den Perlen neulich ... 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 

Ja, die Perlengeschichte war eine etwas peinliche 
Affäre, das will ich zugeben. Hätte Mrs. Hunter mich 
nur um meine Ansicht gefragt, bevor sie ihr Kostüm- 
fest gab . . . 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Ich bin überzeugt, wäre ihre Nichte damals hier 
gewesen, so wäre aus dem geschmacklosen Einfall nichts 
geworden. Die Botschafterin hätte einfach nicht ge- 
durft. . . . 

DER ALTE DIPLOMAT 
Ihre Nichte — wen meinen Sie ? . . . Ach, jetzt ver- 
steh ich — die junge Brünette, der Mrs. Hunter mich 
heut abend vorstellte — ja, die sieht nach Rasse aus. 
Wie heißt sie doch gleich — ich habe den Namen 
vergessen ... 



DER JUNGE DIPLOMAT 
Miß Cameron. 

DER ALTE DIPLOMAT 
Ganz recht — Miß Cameron. Sie sind, scheint es, 
sehr von ihr eingenommen ? Ich habe Sie beobachtet, 
vorhin, als Sie die junge Dame zum Walzer engagierten. 
Ja ja, sie ist ein entzückender Goldfisch, das muß 
man ihr lassen. 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 

Na, — ein Goldfisch, — das kann man nicht behaup- 
ten. Sie ist durchaus nicht vermögend. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Jedenfalls tanzt sie fabelhaft. Und graziös ist sie, 
wie eine Nymphe . . . Merkwürdig, daß ich sie früher 
nie getroffen habe. 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Gar nicht, — denn sie ist erst seit vorgestern in der 
Stadt. Sie ist hierher gekommen wegen der syndika- 
listischen Gärung. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Wieso? Was hat sie denn damit zu schaffen? 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Sie vertritt ein großes Newyorker Blatt. Der hie- 
sige Korrespondent des Blattes war krank geworden, 
und so übernahm Miß Cameron seine Vertretung. Sie 
ist Journalist von Fach. 

— IG — 



DER ALTE DIPLOMAT 

Da schlag einer lang hin! Ein junges Mädchen, 
kaum fünfundzwanzig Jahre alt und schon politischer 
Zeitungskorrespondent! Das ist ja ein kleines Mon- 
strum! . . . Und vielleicht wohnt sie gar hier in der 
Botschaft ? 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Ja, das wäre nur natürlich, — die Botschafterin ist 
doch nun mal ihre Tante. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Natürlich? Ich nenne das unpassend. Und ich 
muß wirklich fragen, wo bleibt da der Botschafter? 
Selbst ein Mann aus Chicago könnte wissen, daß man 
in einem Diplomatenhotel kein Zeitungsbüro in- 
stalliert. Wenigstens keins, das sich mit Politik befaßt. 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 

Es ist ja noch nicht gesagt, daß sich Miß Cameron 
auf politische Kontroversen einläßt. Wie ich die 
amerikanischen Zeitungsverhältnisse zu kennen glaube, 
handelt es sich wohl in erster Linie um Reportage 
. . . Eine andere Sache ist natürlich, ob es wohlgetan 
war, eine junge Dame herzusenden, wenn man am 
Vorabend einer Revolution steht . . . 

DER ALTE DIPLOMAT 

Na, na, Revolution — ein so großes Wort würde 
ich nicht brauchen. 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 
Was heut nachmittag passiert ist, scheint mir doch 

— II — 



darauf hinzudeuten, daß die Regierung sich aufs 
Äußerste gefaßt macht. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Die Szene im Parlament, ja wohl. Waren Sie 
dabei ? 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 
Ja, die meisten Diplomaten waren da. Die Abwesen- 
heit Euer Exzellenz entging mir nicht ... 

DER ALTE DIPLOMAT 

Ich habe meinen Nachmittag auf angenehmere Art 
verbracht — ich war zum Tee bei einer bezaubern- 
den kleinen Freundin. Übrigens hatte ich keine Ah- 
nung, daß ein Theatercoup bevorstand. 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 
Wir andern auch nicht. Immerhin war eine hoch- 
politische Debatte angekündigt mit Tagesordnungen, 
Reden der Parteiführer und wichtigen Erklärungen von 
der Ministerbank. Der Saal war denn auch gesteckt 
voll. Weder in den Logen noch auf der Galerie war 
das kleinste Plätzchen zu haben. Man sah auch eine 
Menge Damen der Gesellschaft . . . 

DER ALTE DIPLOMAT 

Bei solchen Gelegenheiten gibt es immer eine Aus- 
stellung von Damenhüten . . . Nun, und was weiter ? 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 

Da ist eigentlich nicht viel zu erzählen, denn die 
ganze Geschichte dauerte kaum fünf Minuten . . . Der 

— 12 — 



Vorsitzende schwingt seine Glocke; die Sitzung ist 
eröffnet. Der Ministerpräsident hat das Wort. Frank 
steht auf, öffnet eine Mappe, nimmt ein Schriftstück 
heraus und liest es vor. Die Zuhörer trauen ihren 
eigenen Ohren nicht ■ — Vertagung der Session auf 
unbestimmte Zeit! Nachdem Frank geendet, bleibt 
es einen Augenblick mäuschenstill . . . 

DER ALTE DIPLOMAT 

Aber dann — ein Spektakel . . . kann ich mir den- 
ken — 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 

Spektakel gerade nicht. Aber ein Summen und 
Surren unten im Saal, ein Gerenne, hin und her, wie 
in einem Ameisenhaufen . . . Alle waren wie vor den 
Kopf geschlagen, nicht zum wenigsten die Regierungs- 
partei. 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Die Regierung soll keinen Menschen vorher einge- 
weiht haben, — - nicht einmal ihr Faktotum Prätorius. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Frank ist gewiß nicht mein Mann, aber es macht 
mir doch Spaß, wie er diese großschnäuzigen Parla- 
mentarier an die Wand drückt. 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 
Jetzt fragt sich nur, ob er mit dem drohenden 
Generalstreik fertig wird. Die Syndikalisten sollen 
zum Äußersten entschlossen sein. Es kommt gewiß 
zum Blutvergießen. 

- 13 - 



DER ALTE DIPLOMAT 

Jedenfalls gehen wir einer etwas lebhaften Zeit 
entgegen . . . Pardon, meine Herren, da seh ich je- 
mand, dem ich guten Tag sagen muß. 
Et steht auf und geht auf zwei jüngere Damen zu, die links Platz 
genommen haben, 

DER DIPLOMAT IN MITTLEREN JAHREN 

zu dem jungen Diplomaten, 
Wollen wir uns nich| ein bißchen Bewegung machen 
. . . wie ? 

Ab in die Halle, 

DER ALTE DIPLOMAT 

bei den Damen, 
Gestatten Sie mir, meine Damen, daß ich meiner 
Freude Ausdruck gebe, Sie hier zu sehen . . . Juno 
und Venus in herrlichem Vereine. . . . 

DIE HERZOGIN 

Dann bin ich wohl die Juno und Dolly ist die Ve- 
nus f . . . Schönen Dank für das mythologische Kom- 
pliment. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Gnädigste Herzogin, ich weiß wohl, die mytholo- 
gische Bildersprache ist aus der Mode. Aber ich bin 
ein sehr alter Mann, und in meiner Jugend . . . 

DIE GRÄFIN 

Alt? Absolut nicht. Neulich erst wollte jemand 
wetten, Sie seien fünfundsiebzig Jahr. Und wissen 
Sie, was ich antwortete ? „Nicht fünfundsiebzig Jahre, 
sondern dreimal fünfundzwanzig." 

-- 14 - 



DER ALTE DIPLOMAT 

An dieser Bemerkung erkenne ich meine liebens- 
würdigste Gräfin. Sie dürfen glauben, ich habe ge- 
dürstet nach Ihrem Esprit, die ganze Zeit, als Sie dort 
unten in Kairo waren. Stellen Sie sich also mein 
Entzücken vor, wie ich heut abend hörte, Sie seien 
wieder im Lande. 

DIE GRÄFIN 

Wirklich, Sie sind rührend. Ich bin natürlich auch 
sehr froh, bekannte Gesichter um mich zu sehen. Und 
doch — ich bereue fast, zurückgekommen zu sein. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Sie bereuen — ? 

DIE GRÄFIN 

Ja, denn ich habe den Eindruck, die Stadt ist in- 
zwischen recht ungemütlich geworden. Es liegt etwas 
Brenzliches in der Luft . . . 

DIEjHERZOGIN 

Ferdinand und mir gefällt es hier auch nicht mehr. 
Wir haben sogar die Absicht, über kurz oder lang unser 
Haus zu schließen und an die Riviera zu gehen . . . 
Denk nur, als wir hierher fuhren, warf man unserem 
Wagen Steine nach, — eine Fensterscheibe ging dabei 
kaputt. 

DIE GRÄFIN 

Und hast du die Menge fragwürdiger Individuen 
bemerkt, die den Torweg belagerten ? Als ich ausstieg, 
sprang ein ekelhafter Kerl mir nach, ins Portal, und 

~- 15 - 



sagte etwas Häßliches — etwas so Häßliches — es läßt 
sich kaum wiedergeben . . . 

DIE HERZOGIN 

Wirklich, wir hätten absagen sollen. Meine Jungfer 
warnte mich, als sie mich frisierte. Sie sagte, es stände 
etwas in einem Blatt, das „Der Proletarier" heißt . . . 

DIE GRÄFIN 

Aber, Fanny, — deine Jungfer liest solche Blätter ? 

DIE HERZOGIN 

Sie nicht. Das würde ich nie erlauben. — Aber 
solche Leute hören doch allerlei . . . Also, — in dem 
Blatt hat heut ein Artikel gestanden: „Die Perlen- 
königin". Selbstverständlich war er auf Mrs. Hunter 
gemünzt. . . . 

DIE GRÄFIN 

Mrs. Hunter und die Perlenkönigin, — was meinst 
du damit? 

DIE HERZOGIN 

Richtig, du warst ja auf Reisen. Übrigens, mir ist, 
ich hätte dir darüber geschrieben . . . Also höre: vor 
einigen Wochen gaben Hunters ein großes Kostüm- 
fest. Achtzehntes Jahrhundert. Szene: ein Hof ball 
in Versailles ... 

DER ALTE DIPLOMAT 

Wo Mr. Hunter aus Chicago als Ludwig XIV. er- 
schien . . . 

- i6 - 



DIE GRÄFIN 

Und Mrs. Hunter? Als welche Mätresse kam sie? 
Als Pompadour oder als Du Barry? 

DER ALTE DIPLOMAT 
O nein, — sie kam nur als die legitime Königin 
Maria Lesczynska . . . Sie und ihr königlicher Gemahl 
hatten ein Menuett einstudiert, womit der Ball er- 
öffnet wurde. Ein Anblick für Götter. 

DIE HERZOGIN 

Für dieses Menuett hörten sie Schmeicheleien in 
Hülle und Fülle ... Es ist geradezu widerlich, wie 
diesen Menschen von allen Seiten der Hof gemacht 
wird. Und noch dazu von Leuten, die sie gar nicht 
nötig haben. Weder sie, noch ihren Geldsack. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Ein kurioser Anblick das, wie die meisten sich gerie- 
ren, wenn sie vor einem Multimillionär stehen. Genau 
wie die Kellner. Und sie tun das nicht einmal wegen 
des Trinkgeldes. Sie erniedrigen sich gratis, — ihr 
Tanz ums goldene Kalb ist ganz uneigennützig. 

DIE HERZOGIN 

Aber warum tun sie's denn nur? 

DER ALTE DIPLOMAT 

Ich vermute, es ist eine Art Religiosität. Ihre Mam- 
monverehrung ist so etwas wie die alte Sonnenanbetung. 

DIE HERZOGIN 

Eine sehr tiefsinnige Erklärung. Ich wußte gar 

3 •— 17 — 



nicht, daß Sie so philosophisch veranlagt sind . . . Doch 
zur Sache. In der Einladung zum Kostümfest waren 
alle Damen gebeten, als Schmuck nur Perlen zu tragen. 
Schön, — in unserer Harmlosigkeit legten wir allen 
Schmuck dieser Art an, den wir besaßen, und was mich 
selbst betrifft, so hielt ich meine Perlen für recht 
präsentabel . . . 

DER ALTE DIPLOMAT 

Ihre Perlen sind eine Sehenswürdigkeit, liebe Her- 
zogin. 

DIE HERZOGIN 

Wie nennen Sie dann erst Mrs. Hunters Schmuck! 
Wissen Sie noch — der Anblick, als sie uns im blauen 
Salon empfing? 

DIE GRÄFIN 

War es so überwältigend? 

DIE HERZOGIN 

Du hast keine Vorstellung, wie sie sich an dem Abend 
herausstaffiert hatte. Das ganze Kostüm hatte einen 
Überwurf von kleinen Perlen, und dazu Perlenschnüre 
um Corsage und Hüften. In den Ohren trug sie Per- 
len, groß wie Haselnüsse. Und um den Hals ein Perlen- 
kollier von nicht weniger als zwölf Reihen, und auf dem 
Kopf eine Art Tiara mit fünf riesigen Perlen, in Birnen- 
form . . . Ich glaubte, mich rührt der Schlag, und den 
andern ging's ebenso . . . Uns Damen war natürlich 
das ganze Fest verdorben. 

- i8 - 



DIE GRÄFIN 

Allerdings — ein seltener Mangel an Feingefühl, 
seine Gäste auf diese Art zu übertrumpfen. 

DIE HERZOGIN 

Uns zu demütigen war der Zweck; wir sollten vor 
Neid bersten — 

DER ALTE DIPLOMAT 

Nein, so finstere Absichten trau ich ihr nicht zu. 
Sie macht im Grunde den Eindruck einer gutmütigen 
Seele. Nur himmlisch dumm, unheilbar taktlos. 

DIE HERZOGIN 

Jedenfalls ist sie nicht so dumm, um sich nicht auf 
Reklame zu verstehen. Wie gewöhnlich hatte sie auch 
Journalisten eingeladen, und die mußten doch genau 
erfahren, was ihre Perlen wert sind. Ich weiß nicht 
mehr, wie viele Millionen, — aber den nächsten Tag 
war es in allen Zeitungen zu lesen. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Ja, auch in den sozialistischen Blättern. Und die 
haben das Thema tüchtig ausgeschlachtet und haben 
tapfer los gedroschen auf die Perlenkönigin und ihr 
nachgeäfftes Versailles. Ihr Chef Levinski hat einen 
flammenden Artikel geschrieben — : wir sollen hin- 
weggefegt werden, wie weiland das ancien regime, 
Sie meine Damen und Mrs. Hunter und ich und all 
die anderen Schmarotzerwesen. Die neue Revolution 
soll uns den Garaus machen. 



2* 



- 19 



DIE GRÄFIN 

Revolution? Sollt' es wirklich soweit kommen? 

DER ALTE DIPLOMAT 

Auf Prophezeiungen lasse ich mich ungern ein. Aber 
wenn es soweit kommt, dann werde ich mit Freuden 
mein Haupt unter die Guillotine legen — unter 
einer Bedingung, wohlverstanden . . . 

DIE GRÄFIN 

Und die wäre? 

DER ALTE DIPLOMAT 

Daß ich auf Ihre wonnevolle Gesellschaft rechnen 
kann — auf dem Wege zum Schafott. 

DIE GRÄFIN 

Ich sollte mir also auch den Kopf abschlagen lassen, 
nur um Ihnen Gesellschaft zu leisten? Der Gipfel 
des Egoismus — das muß ich sagen. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Aber ein Egoismus, der der Liebe entspringt. 

DIE GRÄFIN 

Ach Sie, mit Ihren Liebeserklärungen, 

DER ALTE DIPLOMAT 

Über die sollten Sie sich nicht mokieren. Meine 
Liebe hat eher etwas Tragisches. Denken Sie sich 
einen Sänger, dessen Stimmittel nachlassen, während 
Geist und Wille noch ebenso rüstig wie früher sind. 

— 20 — 



DIE GRÄFIN 

Ihr Organ umfaßte gewiß mehr als eine Oktave. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Ich darf wohl sagen, es hatte einen ungewöhnlichen 
Umfang. Und noch heutigen Tages — j'ai de beaux 
restes ... Sie zweifeln, — ich seh es Ihnen an, — 
Sie haben mich im Verdacht, nur im Falsett singen 
zu können, wie die Sänger der Sixtinischen Kapelle . . . 

DIE GRÄFIN 

Sie sind und bleiben unverbesserlich. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Geben Sie's nur auf, Ihr liebliches Angesicht hinter 
dem Fächer zu verbergen . . . Ich ahn' es ja doch, 
das listige Lächeln auf Ihren Rosenlippen und das 
Funkeln des Leichtsinns in Ihren Sternenaugen. 

DIE GRÄFIN 

Ich will nichts mehr hören, mauvais sujet Sie! 
Schämen Sie sich gefälligst und gehen Sie Ihrer Wege. 

DER ALTE DIPLOMAT 

Ich gehorche. Aber ich habe die Absicht, Ihnen 
bald einen Besuch zu machen. Wann trifft man Sie 
zu Hause ? 

DIE GRÄFIN 

Ich empfange immer noch jeden Donnerstag zwi- 
schen fünf und sieben. 

— 21 — 



DER ALTE DIPLOMAT 

Also Donnerstag . . . Gnädigste Herzogin . . . 
Er verbeugt sich und geht in die Halle, 

DIE HERZOGIN 

Gott sei Dank, daß wir den alten Affen los sind . . . 
Wir wollen uns lieber wo anders hinsetzen. Hier wer- 
den wir nur gestört . . . 

DIE GRÄFIN 

Sehr gern, mein Liebling, ich habe dir tausend 
Dinge zu erzählen von meiner Reise . . . 

Ab links. 
Unterdessen kommt ULVELING aus der Halle und BLIX aus 
dem Nebensalon, Sie treffen sich gerade vor dem großen Rokoko- 
tisch und bleiben dort stehen. 

ULVELING 

Da sind Sie ja auch, Blix, Ich glaubte, Sie säßen 
in Ihrer Redaktion und zerbrächen sich über Ihren 
Leitartikel den Kopf. 

BLIX 

Ja, dieser Artikel, der kann einem schon Kopf- 
schmerzen machen. Die Abendzeitungen wissen nicht 
aus noch ein. Aber wir erscheinen glücklicherweise 
erst morgen früh, und wenn ich nur den Minister- 
präsidenten fasse, so . . . Er ist noch nicht da, aber 
er soll zugesagt haben. 

ULVELING 

Der Ministerpräsident auf dem Ball! In solchem 
Moment! Während wir anderen Politiker förmlich 

— 22 ~ 



zusammenbrechen unter dem Ernst der Situation! 
Das ist unanständig, — das ist ein Zynismus sonder- 
gleichen ! 

BLIX 
Aber Sie sind ja selbst auf den Ball gegangen, Herr 
Ulveling, und verschiedene Ihrer Kollegen sehe ich 
ebenfalls hier. 

ULVELING 

Mit mir ist das ganz etwas anderes. Ich bin ein 
gewöhnlicher Volksvertreter, und keinem Menschen 
fällt es ein, mir die Bürde der Regierung anzuvertrauen. 

BLIX 

Es hieß doch einmal, Frank wolle Sie in sein Kabinett 
haben. 

ULVELING 

Als es zum Klappen kam, da war ich nicht Kriecher 
genug. Dieser Mann will ja nicht Mitarbeiter, sondern 
Werkzeuge und Jasager. 

BLIX 

Trotzdem schätzt er Sie — zweifellos. Sie sind 
ja immer ein nützliches Mitglied des ministeriellen 
Blocks gewesen. 

ULVELING 

Haha, der ministerielle Block. Ein Block, der in 
ewig fließendem Zustand ist . . . Können Sie mir 
gleich aus dem Kopf sagen, wieviel Umwandlungen 
er in den letzten Jahren durchgemacht hat ? Es ist 
Frank ganz schnuppe, aus was für Gruppen der Block 

- 23 -- 



sich zusammensetzt — er braucht sie umschichtig, wie 
ein anderer sein Hemd wechselt . . . Aber wissen Sie, 
was ich glaube? 

BLIX 

Nun ? 

ULVELING 

Ich glaube, im Herzen ist Frank ein Revolutionär. 
Trotz Rang und Orden und autoritativen Gebarens. 
Ein verkappter Jakobiner. Vergessen Sie nicht: er 
debütierte als Vollblutsozialist. 

BLIX 

Das war in seiner grünenden Jugend. 

ULVELING 

Er ist noch immer verhältnismäßig jung. Jedenfalls 
nicht alt genug, um seine erste Liebe vergessen zu 
haben. Und zu ihr wendet er sich langsam zurück. 
Dieses Gesetz einer Gewinnbeteiligung für die Arbeiter, 
das er mit aller Macht im Parlament durchdrücken 
wollte, — werden Sie etwa leugnen, daß es auf reinsten 
Sozialismus hinausläuft ? 

BLIX 

Sie kennen ja meinen Standpunkt. Angreifen hab 
ich das Gesetz nicht wollen, aber verteidigen auch 
nicht. 

ULVELING 

Doch diesmal hat er den Bogen allzu straff gespannt. 
Erst diese wahnsinnige Gesetzesvorlage, und dann die 

- 24 - 



Herausforderung, die er uns heute ins Gesicht geschleu- 
dert hat . . . Hören Sie mal — glauben Sie nicht, es 
wäre jetzt der Augenblick, ihn abzusägen? 

BLIX 

Jetzt! Mitten in dieser erregten Stimmung, die 
schlimmer wird von Tag zu Tage! Wer würde unter 
solchen Umständen wohl die Kabinettsbildung über- 
nehmen ? 

ULVELING 

Nicht heut oder morgen. Aber später, wenn die 
Schwierigkeiten ihm über den Kopf wachsen. Dann 
ist der Augenblick da, ihn abzuschlachten. Das ist 
geradezu unsere moralische Pflicht, denn der Mann 
ist eine Gefahr für die Gesellschaft. 

BLIX 

Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Persönlich 
hab ich nichts gegen Frank. Im Gegenteil, ich schulde 
ihm Dank für manche Freundlichkeit. 

ULVELING 

Da haben wir's. Er hat sein Ministerium solange 
halten können, weil er immer etwas wegzuschenken 
hatte ... Sie haben natürlich Angst, diese Stütze zu 
verlieren . . . Übrigens ist er doch auch Ihren Kon- 
kurrenten beigesprungen. Weiß der Himmel, wieviel 
Blätter sich aus dem Geheimfond haben ernähren 
lassen. Seine Leistungen auf dem Gebiet der Korrup- 
tion . . . 

BLIX 

Die Herren Parlamentarier sollten etwas weniger 

- 25 - 



laut über die Korruption bei uns Leuten der Presse 
reden. Ich kenne mehr als einen Fall, wo die Stimmen 
der Volksvertreter mit Vergünstigungen für sie selbst 
und ihre Angehörigen bezahlt worden sind. 

ULVELING 

Wenn Sie damit auf die Geschichte mit mir und 
meinem Schwiegersohn anspielen sollten . . . 

BLIX 

An die hab ich zwar nicht gedacht — aber da Sie 
die Sache erwähnen, so können wir sie ja gleich mit 
einschließen. 

ULVELING 

Die Beschuldigung war grundlos, und ich charak- 
terisiere sie noch einmal als niederträchtige Verleum- 
dung .... Was hingegen meine Kollegen betrifft, so 
gebe ich allerdings zu, viele von ihnen sind nichts 
weniger als makellos . . . Und nicht nur sie . . . Diese 
Zuwendung von Konzessionen und Lieferungen, dieser 
ganze anstößige Handel, dessen Zeugen wir jahrein, 
jahraus sind . . . 

BLIX 

Wir finden es immer anstößig, wenn ein anderer 
den Profit einstreicht und nicht wir. 

ULVELING 

Ich finde, solche Zustände eignen sich nicht für 
spöttische Bemerkungen. — Ernsthaft : was soll man von 
einem sogenannten Staatsmann denken, der planmäßig 
seine Umgebung demoralisiert? 

~ 26 - 



BLIX 

Und was soll man von uns denken, die sich in aller 
Gemütlichkeit demoralisieren lassen? 

ULVELING 

„Uns"! Ich möchte Sie doch bitten, hübsch bei 
sich selber zu bleiben und mich aus dem Spiel zu lassen. 
Da gibt es gottlob in unserer Politik doch noch Männer, 
die mit erhobener Stirn unter das Volk treten können. 
Männer mit eisernem Rückgrat ... Sie werden schon 
sehen . . . Jetzt will ich Ihnen eine Neuigkeit er- 
zählen . . . 

BLIX 

Eine Neuigkeit ? 

ULVELING 

Ja, mehr als das — ein Ereignis .. . Ich und einige 
Gesinnungsgenossen haben beschlossen, aus dem Block 
auszubrechen und der Regierung die Gefolgschaft zu 
kündigen. Wir bilden bereits eine ansehnliche Kern- 
truppe, und mehr und mehr Leute sammeln sich um 
unsere Fahne. Sie haben keine Ahnung, was für eine 
Summe von Unmut und Haß sich im Stillen aufge- 
häuft hat, wider Frank und sein Regime. Im Parla- 
ment wie an allerhöchster Stelle . . . 

BLIX 

Na, die allerhöchste Stelle kommt wohl weniger 
in Betracht. Seine Majestät ist doch alt und müde . . . 

ULVELING 

Dafür ist aber Ihre Majestät um so interessierter 
und tätiger. Neulich hat sie mich kommen lassen — 

- 27 - 



ja, ich weiß nicht, ob ich ihre Worte wiederholen darf 
— aber sie sagte, sie möchte gern die Meinung eines 
hervorragenden, vorurteilsfreien Politikers hören. Diese 
Audienz hat mir die Überzeugung beigebracht, daß 
sie eine ungewöhnlich begabte Frau ist. Sie stimmte 
allen meinen Äußerungen zu, und den Frank verab- 
scheut sie aus voller Seele. 

BLIX 

Sie hat ihm den Spitznamen : „Die geistreiche Putz- 
macherin" nie verziehen. 

ULVELING 

Seine Lästerzunge hat ihm schon viele Feinde ge- 
macht . . . Kurz, Zündstoff an allen Ecken und Enden, 
und die Explosion wird nicht auf sich warten lassen . . . 
Hören Sie auf meinen wohlgemeinten Rat und ver- 
lassen Sie das sinkende Schiff beizeiten. 

BLIX 

Wie die Ratten, meinen Sie . . . 

ULVELING 

Es wird Ihr Schaden nicht sein, wenn Sie sich 
uns anschließen. Kommen wir zur Regierung, so 
lassen wir Ihnen die Subvention — das können Sie 
sich wohl denken. Wir wissen doch, was eine Regierung 
ihren Anhängern schuldig ist. Wenn Sie aber trotzdem 
ein Ministerium stützen wollen, das zum Tode ver- 
urteilt ist, — bitte recht sehr ! Sie riskieren nur Ihre 
Einnahmen aus dem Geheimfond und auch — die 
Annoncen. 

- 28 - 



BLIX 

Die Annoncen! ? 

ULVELING 

Begreifen Sie denn nicht, daß Sie mit der Ge- 
schäftswelt anbinden, wenn Sie sich nicht von Frank 
und seinem SoziaUsmus lossagen? 

BLIX 

Ja, aber in der Frage des Gewinnbeteiligungsgesetzes 
hab ich mich neutral verhalten. 

ULVELING 

Das genügt nicht. Die Erbitterung in den gewerbe- 
treibenden Kreisen ist groß, und man trägt sich mit 
dem Plan, alle Blätter zu boykottieren, die nicht 
resolut für die besitzenden Klassen Partei ergreifen. 
Und mir ist bekannt, daß man speziell Ihrem Blatt 
zu Leibe will. 

BLIX 

Ich habe mich vielleicht zu sehr für Frank engagiert. 
Die politischen Folgen — das ist schließlich gleich. 
Werden aber die Annoncen in Frage gestellt . . . wissen 
Sie was — ich werde über Ihren Vorschlag nachdenken. 

ULVELING 

Bravo! Jetzt sprechen Sie wie der besonnene Mann, 
der Sie im Grunde sind. 

BLIX 

erblickt PRÄTORIÜS, der aus der Halle kommt. 
Sieh da, Prätorius ... 

- 29 - 



ULVELING 

Hand aufs Herz, Prätorius. Wußten Sie vorher, 
was heut nachmittag geschehen würde, — oder wußten 
Sie's nicht ? 

PRÄTORIUS 
Diese Frage habe ich wohl an die fünfzigmal gehört. 
Die Antwort lautet: gewissermaßen wußte ich's, und 
gewissermaßen wußte ich's nicht. 

ULVELING 

Ihre Rede ist dunkel wie ein delphisches Orakel, 
und doch ist sie unschwer zu deuten. Die Wahrheit 
ist: Sie hatten keine Ahnung und sträuben sich nur, 
es einzugestehen. 

PRÄTORIUS 

Deuten Sie meine Worte, wie Sie wollen. Ich werde 
Sie nicht hindern. 

ULVELING 

Ich kann Ihnen ja nachempfinden, daß Sie sich 
verletzt fühlen. Daß Frank gegen uns andere rück- 
sichtslos ist, daran haben wir uns nun einmal gewöhnt. 
Daß er aber Sie kränken würde, seinen Jugendfreund, 
seinen treuen Pylades, — nein, das will mir nicht in 
den Kopf. 

PRÄTORIUS 

Sie irren sich — ich habe keinen Grund, mich zu 
beklagen. 

ULVELING 

Keinen Grund, sagen Sie! Sie, der Einpeitscher 

- 30 - 



der Majorität, — unser und der Regierung getreuer 
Eckart — Sie sollten doch in erster Linie Anspruch 
auf Vertrauen haben! . . . Aber da Sie nicht mehr 
intim sind mit Frank, so hat er Sie wohl auch nicht 
eingeweiht, wie er jetzt vorzugehen gedenkt. 

PRÄTORIUS 

Darauf kann ich Ihnen nicht antworten. Aber 
machen Sie sich nur deswegen keine Sorge. Er wird 
sich weiter als der Mann zeigen, der er immer ge- 
wesen ist : als die stärkste Natur in unserem politischen 
Leben. 

ULVELING 

Es ist nur merkwürdig, wie schwach er geworden ist, 
dieser starke Mann. Allerdings, — das Parlament hat 
er vor die Tür gesetzt — bis auf weiteres. Doch 
dem verehrlichen Mob gegenüber beweist er eine er- 
staunliche Nachsicht. Die Syndikalisten halten Ver- 
sammlungen ab, mit aufrührerischen Reden; es finden 
Demonstrationen auf der Straße statt, mit roten Fahnen 
und revolutionärer Musik. Für anständige Leute wird 
es bald hier in der Hauptstadt nicht mehr zum Aus- 
halten sein. 

BLIX 

In den Provinzstädten ist es nicht viel besser. Die 
Nachrichten heut abend lauten recht alarmierend. 

ULVELING 

Und er schreitet nicht ein — er, der Minister- 
präsident und noch dazu Minister des Innern ist. Er 
läßt die Zügel am Boden schleifen und die Dinge 
gehen, wie sie wollen. 

— 31 - 



PRÄTORIUS 

Er wird die Zügel schon anziehen, wenn der Augen- 
blick da ist. Der Generalstreik möge nur kommen — 
Frank wird seiner bald Herr werden, das können Sie 
glauben . . . Und Ihre Meinung, Herr Blix ? 

BLIX 

Ich für meinen Teil sehe dem Generalstreik mit 
Gemütsruhe entgegen. 

PRÄTORIUS 

Ja, nicht wahr, Sie sind auch der Ansicht, daß Ver- 
nunft und Ordnung schließlich siegen werden? 

BLIX 

Das will ich hoffen. Aber ich dachte jetzt in erster 
Linie an meine Zeitung. Wir haben uns mit unseren 
Setzern verständigt, so daß der Streik uns nicht berührt, 
und eine neue Rotationspresse ist nun auch montiert 
worden. So sind wir wohlgerüstet für die bewegte 
Zeit, der wir entgegengehen. Der Einzelverkauf wird 
gewiß enorm werden . . . 

ROBERT FRANK erscheint in der Tür links, 

ULVELING 

Achtung, meine Herren! Da kommt der Minister- 
präsident in höchst eigener Person . . . 

ROBERT FRANK 

grüßt die Herren flüchtig, 
Prätorius, bitte, — ich habe mit dir zu reden . . . 
ULVELING und BLIX %iehen sich zurück, 

- 32 - 



ROBERT FRANK 

Ich vermute, du bist mir böse, weil ich dich nicht 
ins Vertrauen gezogen habe. 

PRÄTORIUS 

Meinetwegen brauchst du dir keine Sorge zu ma- 
chen. Das Schlimme an der Sache ist nur, daß die 
ganze Majorität vor den Kopf gestoßen ist. Daß du 
das Parlament nach Hause geschickt hast, läßt sich 
schließlich mit den unruhigen Zeiten entschuldigen. 
Daß du es aber getan hast ohne Beratung mit den 
Fraktionsführern, das empfindet man als Rücksichts- 
losigkeit gegen den Regierungsblock. 

ROBERT FRANK 

Gerade den Fraktionsführern wollte ich vorher 
nichts sagen. Sie sind nichts weniger als zuverlässig. 
Durch die Bank. Frag nurUlveling — wenn er wollte, 
so könnte er dir bis in die kleinste Einzelheit über die 
Verschwörung gegen mich Auskunft geben. 

PRÄTORIUS 

Was für eine Verschwörung? 

ROBERT FRANK 

Ja, von der müßtest du eigentlich Witterung haben, 
mein lieber Prätorius. Aber glücklicherweise wurde 
ich von anderer Seite gewarnt. Das Komplott lief 
einfach darauf hinaus, daß ich in einen Sack gesteckt 
und ersäuft werden sollte. 

PRÄTORIUS 

Was soll das heißen ! ? 



33 



ROBERT FRANK 

Mach doch kein so entsetztes Gesicht! Ich habe 
mich nur bildlich ausgedrückt. Das Ersäufen sollte 
auf parlamentarische Weise vor sich gehen, und der 
Sack war nichts anderes als eine Tagesordnung. Sie 
war in sehr vorsichtigen und unbestimmten Redewen- 
dungen gehalten, aber praktisch hatte sie die Bedeu- 
tung, daß mein Antrag einer Gewinnbeteiligung für 
die Arbeiter ad acta gelegt und begraben werden 
sollte. 

PRÄTORIUS 

Ich hörte wohl davon munkeln, aber ich habe mir 
weiter keine Gedanken gemacht. 

ROBERT FRANK 

Und ahnst du, wie sich die Majorität für diese 
Tagesordnung zusammensetzen sollte? In erster 
Reihe aus den Reaktionären, dann aus den Sozialisten 
und schließlich teilweise aus unserer eigenen liebens- 
werten, sogenannten Regierungstreuen. Eine gemischte 
Gesellschaft, was? 

PRÄTORIUS 

Gestatte mir, hierzu meine Zweifel zu äußern. Ich 
glaube nach wie vor, daß es sich um nichts anderes 
und um nichts mehr als um die vorübergehende Idee 
einzelner Individuen gehandelt hat. 

ROBERT FRANK 

Jetzt, nachdem der Coup mißlungen ist, möchten 
die Anstifter natürlich ihre Unschuldsmiene aufsetzen. 
Die Gefolgschaften wußten freilich nichts: die waren 

- 34 ~ 



nicht ins Vertrauen gezogen und sollten erst im ent- 
scheidenden Augenblick die Parole empfangen. Das 
heißt, heute in der Nachmittagssitzung, wo, gemäß der 
Verabredung, die Bombe platzen sollte. 

PRÄTORIUS 

Nun ja, wenn du deiner Sache so sicher bist, muß 
ich wohl nachgeben. Immerhin . . . 

ROBERT FRANK 

Ich hab es aus sicherer Quelle. Heut morgen be- 
kam ich Wind von der Sache. Und da war, nach meiner 
Überzeugung, nur eins zu tun: die Quatschbude zu- 
zumachen. Ich fuhr spornstreichs zum Schloß und 
bewog den alten Herrn, die Botschaft zu unterzeich- 
nen. Übrigens nicht ohne Weitläufigkeiten, denn er 
ist jetzt weniger nachgiebig als früher . . . Nun, und 
was darauf geschah, das brauch ich dir ja nicht zu 
sagen ? 

PRÄTORIUS 

Nein, aber du sagst mir vielleicht, was jetzt gesche- 
hen soll. Was ist der Zweck der Übung — was hoffst 
du damit zu erreichen? 

ROBERT FRANK 

Was ich zu erreichen hoffe? Die Durchführung 
meines Programms natürlich. Ich hab es doch oft 
genug ausgesprochen : ich will als Haupt der Regierung 
nicht länger mit ansehen, wie unsere ganze Industrie 
ihrem Untergang entgegengeht. In den letzten Jahren 
war ja doch der Streiks kein Ende, und es wird immer 
ärger. Das Land wird ökonomisch wie politisch ge- 

3* - 35 - 



schwächt. Jetzt muß endlich einmal Frieden für die 
Arbeit geschaffen werden^ mag's biegen oder brechen. 

PRÄTORIUS 

Schön — aber wie soll dieser Frieden geschaffen 
werden? Und das in einem Augenblick, da die Syn- 
dikalisten zum Generalstreik fest entschlossen sind . . . 

ROBERT FRANK 

Ich will die Syndikalisten niederwerfen, so daß sie 
nicht wieder aufstehen. Und wenn das besorgt ist, 
dann soll das Friedenswerk beginnen. 

PRÄTORIUS 

Das Friedenswerk, jawohl. Aber da sitzt ja gerade 
der Knoten. 

ROBERT FRANK 

Der Knoten ist nicht unlösbar, • — wenn man nur 
auf die rechte Art vorgeht. Ich wiederhole, was ich 
dir mehr als einmal gesagt habe. Es gilt die Solidarität 
zu schaffen, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer in ge- 
meinsamen Interessen umschließt. Die Arbeiter müssen 
Mitinhaber werden; sie müssen ihren Anteil am Er- 
trage haben. Sollen sie sich mit dem Kapital versöhnen, 
so müssen sie gewissermaßen selbst Kapitalisten werden. 
Einen anderen Weg zum sozialen Frieden seh ich 
nicht. Und das eben ist der Weg, auf den mein Ge- 
winnbeteiligungsgesetz hinweist. 

PRÄTORIUS 

Es weist auf einen Weg hin, den noch keine Gesetz- 

- 36 - 



gebung beschritten hat. In keinem Land der Welt 
läßt sich ein Beispiel finden. 

ROBERT FRANK 

Nun schön! So werden wir dies Beispiel geben. 

PRÄTORIUS 

Na, na! Es ist dir ja nicht unbekannt, was ich von 
diesem Gesetz halte. Hätte ein anderer Minister 
einen so revolutionären Antrag eingebracht, so wäre 
er auch gleich damit erledigt gewesen. Du hast ge- 
nügend Prestige gehabt, die Sache wagen zu können. 
Aber du kannst doch keinen Augenblick geglaubt 
haben, die Vorlage werde wirklich Gesetz werden? 

ROBERT FRANK 

Und warum sollt' ich sonst wohl alles auf die eine 
Karte gesetzt haben? 

PRÄTORIUS 

Sag was du willst — ich kann mir nur denken, du 
hast das Gesetz rein aus taktischen Gründen in die 
Situation geworfen. Mit seiner Hilfe wolltest du ver- 
suchen, Zersplitterung in die Arbeiterpartei zu 
tragen ... 

ROBERT FRANK 

Nichts lag mir in dieser Sache ferner als taktische 
Beweggründe. Taktik — schon das bloße Wort erregt 
mir Übelkeit, nachdem ich nun jahraus, jahrein nur 
einen Eiertanz aufgeführt habe. Jetzt will ich mir 
endlich einmal den Luxus erlauben, den geraden Weg 

- 37 - 



zu gehen, nur nach meinem eigenen Ermessen zu 
handeln. 

PRÄTORIUS 

Nimm dich in acht — du setzt deine Autorität aufs 
Spiel. 

ROBERT FRANK 

Zu welchem Zweck hätte ich mir Autorität erworben, 
wenn ich sie nicht für eine Sache sollte riskieren können, 
die Förderung verdient ... Es heißt : Adel verpflich- 
tet. Aber Macht verpflichtet wahrhaftig auch. 

PRÄTORIUS 

Ich fürchte nur, von der Macht wird wenig übrig 
bleiben, wenn du auf diesem deinem Gesetz bestehst. 
Gelinde gesagt: es stößt im Parlament absolut nicht 
auf Gegenliebe. 

ROBERT FRANK 

Darum habe ich auch das Parlament nach Hause 
geschickt. Damit es auf andere Gedanken komme. 

PRÄTORIUS 

Erst mußt du das ganze Volk auf andere Gedanken 
bringen. Aber die Gewerbetreibenden wollen nichts 
von deinem Gesetz wissen, weil sie darin einen unzu- 
lässigen Eingriff in das Eigentumsrecht erblicken. Und 
die Arbeiter sehen darin nur. einen Bluff, dessen Zweck 
sei, ihrer kostbaren Streikfreiheit ein Ende zu bereiten. 
Wo du da einen Stützpunkt finden willst, weiß ich 
nicht. 

ROBERT FRANK 

Die Ereignisse werden vielleicht den guten Leuten 

- 38 - 



eine andere Anschauung von meinem Programm bei- 
bringen. Pass auf, — ehe drei Wochen ins Land ge- 
gangen sind, ist der Umschwung da. 

PRÄTORIUS 

Und woher sollte er so schnell kommen? 

ROBERT FRANK 

Weil wir dann schon das große Chaos erlebt haben 
werden. Ich hoffe es wenigstens. 

PRÄTORIUS 
Du hoffst auf ein Chaos . . . ? 

ROBERT FRANK 

Verstehst du nichts von Astronomie? Weißt du 
nicht, daß es chaotische Nebelmassen sind, aus denen 
sich die Sonnensysteme bilden. Das Neue wird nur 
aus dem Chaos geboren. 

PRÄTORIUS 

Mag sein, aber ich bleibe lieber auf der Erde. Und 
da ist das Chaos im allgemeinen nicht eben förder- 
lich . . . Du sprichst ja gerade, als ob du auf alles ein 
Donnerwetter herabwünschtest . . . 

ROBERT FRANK 

Eine Portion Donnerwetterstimmung muß der 
Mensch haben, wenn er in der Politik etwas Ordent- 
liches ausrichten will. 

PRÄTORIUS 

Alles hat seine Grenze, und ich bin noch lange nicht 

- 39 - 



überzeugt, daß du deinem ersehnten Chaos mit hei- 
ler Haut entkommst. 

ROBERT FRANK 

Glaubst du denn, ich bin davon überzeugt? Im 
Gegenteil — es ist ebenso wahrscheinlich, daß ich mir 
das Genick bei dieser Geschichte breche. Aber gerade 
die Ungewißheit macht die Sache noch verlockender 
für mich. 

PRÄTORIUS 

Danke schön! Jetzt hör aber mal auf. Du hast die 
ganze Zeit mich nur zum besten gehabt. Ich hätt 
es gleich merken sollen, als du mit deinem großen 
Chaos anrücktest. Aber man weiß ja nie, wie man mit 
dir dran ist. Solch ein Mystifax warst du schon in 
der Studentenzeit . . . 

ROBERT FRANK 
Hast du mich damals gekannt? 

PRÄTORIUS 

Ob ich dich gekannt habe ? Das ist auch so eine 
Frage. 

ROBERT FRANK 

Ja, denn wir haben uns doch nur ganz flüchtig ge- 
sehen. 

PRÄTORIUS 

Nein, wir haben uns doch wirklich immerzu gesehen. 
Sonst könnt' ich mich unmöglich so vieler kleiner 
Züge und Anekdoten aus deiner Jugend erinnern. 

- 40 - 



ROBERT FRANK 

Die hast du nur erfunden. 

PRÄTORIUS 

Was — ?! 

ROBERT FRANK 

Die Geschichten hast du zusammengebraut, als 
ich Minister wurde. Denn vorher erinnertest du dich 
an gar nichts. 

PRÄTORIUS 

Ich bin sprachlos . . . Ich will hoffen, das ist nur 
ein gemütlicher Scherz von dir — 

ROBERT FRANK 

lacht. 
Ja, da hast du nicht vorbeigehofft. Hast du mich 
nicht selbst einen Mystifax genannt? Da bekam ich 
Lust, dich ein bißchen aufzuziehen, alter Freund — 
Aber nun Schluß — ich habe noch nicht einmal den 
Wirt und die Wirtin begrüßt — Auf Wiedersehen . . . 

Beim Eingang der Halle trifft Frank den JUNGEN DIPLO- 
MATEN Arm in Arm mit JULIA CAMERON, Indem er den 
Gruß des Herrn erwidert^ stutzt er und bleibt einen Augenblick 
stehen. Dann gibt er sich sozusagen einen Ruck und geht weiter, 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Haben Sie den Blick bemerkt, den er Ihnen zuwarf, 
Miß Cameron ? Es war wirklich auffallend . . . 

JULIA CAMERON 
Sie wissen ganz gut, wie ich darauf brenne, ihn zu 

- 41 - 



sprechen, und Sie verpassen die schöne Gelegenheit 
— zu dumm! 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Wie hätte ich das nur anstellen sollen? 

JULIA CAMERON 

Das ist Ihre Sache. Mit ein bißchen Geistesgegen- 
wart . . . 

Sie läßt seinen Arm los und nimmt links Platz, 

DER JUNGE DIPLOMAT 

indem er ihr folgt und sich neben sie setzt. 
Jetzt sind Sie ungerecht . . . Herr Prätorius, ich 
appelliere an Sie — konnte ich wohl Miß Cameron 
mit dem Ministerpräsidenten bekannt machen? 

PRÄTORIUS 

setzt sich ebenfalls. 
Aufrichtig gestanden, — nein. 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Da hören Sie's . . . Überhaupt, — wie Sie ihn ken- 
nen lernen sollen, — ahnen Sie, was für ein schwieriges 
Problem das ist? 

JULIA CAMERON 

Wohl eine Schwierigkeit von der Sorte, wie die 
Diplomaten sie erfinden, um etwas zu tun zu haben. 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Hören Sie mich und urteilen Sie selbst. Eine Be- 
kanntschaft wird gemacht durch Vorstellung, nicht 

-- 42 - 



wahr? Nun frag ich: wer soll vorgestellt werden, 
Sie oder er? 

JULIA CAMERON 

Darüber zerbreche ich mir wirklich nicht den Kopf. 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Sie oder er — „cruelle énigme" . . . Daß Sie sich 
ihm vorstellen lassen sollten, ist ausgeschlossen, weil 
Sie eine Dame sind. Das könnte höchstens geschehen, 
wenn Herr Frank ein Greis im Silberhaar wäre; so aber 
ist er zufällig ein Mann in den allerbesten Jahren. Sie 
werden antworten: er könne sich ja vorstellen lassen. 
Aber das ist gar nicht so leicht, wie es aussieht. Ich 
appelliere wieder an die Einsicht des Herrn Prätorius. 

PRÄTORIUS 

Ich glaube, es wäre wider Schick und Brauch, wenn 
der Ministerpräsident sich einer sehr jungen Dame 
vorstellen ließe, es sei denn, daß diese junge Dame 
verheiratet wäre. 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Ich bewundere Sie, Herr Prätorius, Sie haben die 
Lösung gefunden ... Nun wissen Sie's, Miß Cameron: 
wollen Sie die Bekanntschaft des Ministerpräsidenten 
machen, so müssen Sie sich erst mit einem Ihrer vielen 
Anbeter verheiraten. 

JULIA CAMERON 

Wer sagt Ihnen, daß ich Anbeter habe ? 

- 43 - 



DER JUNGE DIPLOMAT 

Als ob mir das einer zu sagen brauchte! 

JULIA CAMERON 

Und Sie meinen, ich würde mich mit einem An- 
beter begnügen, wie Sie das nennen? Nein, da bin 
ich anspruchsvoller. 

DER JUNGE DIPLOMAT 
Bleibt Ihr Herz ungerührt, wenn man Sie anbetet ? 
Was verlangen Sie denn von dem Erkorenen? 

JULIA CAMERON 

Ich verlange, daß er ein Mann ist, den ich anbeten 
kann. 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Den Sie anbeten können? Unleugbar eine harte 
Forderung. Stellen Sie solche Bedingungen, so furcht 
ich fast, es wird sich keiner von uns qualifizieren . . . 
Aber vielleicht ein Mann wie der Ministerpräsident , . . 

JULIA CAMERON 
Wieso — er? 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Seine Person scheint doch Gnade vor Ihren sonst 
so kritischen Augen gefunden zu haben. Und da er 
noch zu haben ist . . . 

JULIA CAMERON 

zu Prätorius, 
Ist er nie verheiratet gewesen? 

- 44 - 



PRÄTORIUS 

Niemals. Ich könnte mir ihn auch nicht verheiratet 
denken. 

JULIA CAMERON 

Warum nicht? 

PRÄTORIUS 
Weil er Eigenbrötler von Natur ist. Ich kenne über- 
haupt keinen Menschen, der in dem Grade wie er sich 
in seinem Privatleben isoliert hätte. 

JULIA CAMERON 

Aber hat er denn nicht Verwandte oder Freunde? 

PRÄTORIUS 

Er hat nur einen einzigen Freund, und das ist meine 
Wenigkeit. Alle Verwandten hat er verloren bis auf 
einen Schwager, den Mann seiner verstorbenen 
Schwester. 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Sie meinen den ulkigen Kerl, den er als eine Art 
Sekretär beschäftigt — Leporello? 

PRÄTORIUS 

Ja, so nennt man ihn ja wohl. Eigentlich heißt er 
Winkelmann. 

JULIA CAMERON 

Leporello — heißt das, Herr Frank ist ein Don 
Juan ? 

- 45 - 



PRÄTORIUS 

Keine Spur. Ich vermute, es hängt mit dem Aus- 
sehen Winkelmanns zusammen, das an einen Hasen 
erinnert. Der Name Leporello hat ja diese Bedeutung. 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Sollte der Name nicht vielmehr daher stammen, daß 
Winkelmann Aufträge besorgt, die andere nicht gern 
übernehmen. Daß der Ministerpräsident ihn als Stroh- 
mann für gewisse verborgene Transaktionen benutzt . . . 

JULIA CAMERON 

Woher wissen Sie denn, daß Herr Frank sich mit 
Dingen befaßt, die zu verbergen er Grund hat? 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Hätten übertriebene Skrupel ihn gequält, so wäre 
er wohl nie zu solcher Stellung gelangt ... Sie sind 
Journalist, Miß Cameron, und so wird es Ihnen nicht 
unbekannt sein, daß kein Staatsmann aus purem Gold 
gemacht sein kann. 

JULIA CAMERON 

Warum nicht? 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Wissen Sie nicht, daß pures Gold zu weich ist, um 
zu gangbarer Münze verarbeitet zu werden? Man 
muß es mit einem Quantum minder edlen Metalls 
versetzen — erst dann erhält es die gewünschte Härte 
und Widerstandsfähigkeit. Ebenso ist es mit den füh- 
renden Politikern. 

- 46 - 



JULIA CAMERON 

Ist dieser Vergleich Ihre eigene Erfindung? 

DER JUNGE DIPLOMAT 

Nein; ich pflüge mit dem Kalbe eines anderen. Aber 
dieser andere war ein Mann, der aus Erfahrung sprechen 
konnte. 

PRÄTORIUS 

Miß Cameron, jetzt wird Ihr Wunsch erfüllt . . . 

ROBERT FRANK kommt, mit der BOTSCHAFTERIN am Arm, 
aus der Halle. 

DIE BOTSCHAFTERIN 

winkt Julia heran. 
Julia, komm bitte mal her . . . 

yulia Cameron steht auf und geht auf ihre Tante zu. Prätorius 
und der junge Diplomat verschwinden im Salon links. 

DIE BOTSCHAFTERIN 
Dies, Herr Frank, ist also meine Nichte, Miß Came- 
ron . . . Julia, — Herr Frank war so liebenswürdig, 
mir zu sagen, er möchte gern deine Bekanntschaft 
machen. Ich hab ihm erzählt, du seist Journalistin 
und würdest ihm für ein Interview dankbar sein. 

ROBERT FRANK 

Es wäre mir eine Freude . . . 

DIE BOTSCHAFTERIN 

Aber denken Sie nur nicht, daß sie ein gewöhnlicher 
Reporter ist. Sie hat in Paris und Zürich studiert; 
sie ist Doktor der Philosophie oder was Ähnliches 

- 47 - 



— ich weiß nicht genau — aber Doktor jedenfalls. 
Ja, sie ist ein kleines Wunder, Wollen Sie wohl glauben, 

— sie war kaum fünfzehn Jahr, als . . . 

JULIA CAMERON 
Tante, ich bitte dich ... 

DIE BOTSCHAFTERIN 

Übrigens, die ganze Studiererei . . . Was halten Sie 
von dieser Gelehrsamkeit, Herr Frank - — ist sie jungen 
Mädchen zuträglich? Meine Nichte ist dadurch so 
entsetzlich revolutionär geworden, — ich glaube, sie 
ist fast Sozialistin. Aber sie lacht mich aus, wenn ich 
zu ihr sage: „So etwas paßt sich nicht für eine junge 
Dame deines Standes." Sie müssen nämlich wissen, 
wir sind eine gute alte Familie. Eine sehr angesehene 
Familie aus den Südstaaten . . . 

JULIA CAMERON 

Aber, Tante . . . 

DIE BOTSCHAFTERIN 

Sie werden jetzt mit ihr sprechen, Herr Frank — 
könnten Sie ihr da nicht ein bißchen den Kopf zurecht 
setzen? Sie ist Feuer und Flamme für Sie, seit sie 
heute nachmittag Sie im Parlament gesehen hat. Wir 
saßen beide in einer Loge; ich hatte mir Plätze in 
der ersten Reihe besorgt, weil man hinten nichts 
sieht, wegen der großen Hüte. Was sagen Sie zu den 
großen Damenhüten, Herr Frank - — sollte man sie 
nicht eigentlich durch Gesetz verbieten ? ! . . . Und 
wie Sie im Begriff waren, das Papier vorzulesen, das 

- 48 - 



Sie mit hatten, und alles gespannt aufhorchte, da stan- 
den Sie da und lächelten. Das heißt: ich bemerkte 
nichts davon, aber Julia sagte: „Hast du gesehen, 
Tante, wie er lächelte?" — und immer wieder kam 
sie darauf zurück. Was war denn nur an Herrn Franks 
Lächeln, daß es solchen Eindruck auf dich gemacht hat ? 

JULIA CAMERON 
Tante, jetzt mußt du aber wirklich ... 

DIE BOTSCHAFTERIN 
Herr Prätorius sagte, so hätten Sie immer gelächelt 
als Student, wenn Sie irgend jemand einen tüchtigen 
Possen spielten. Doch meine Nichte behauptete, es 
läge weit mehr in diesem Lächeln . . . Ach bitte, 
lächeln Sie doch einmal, Herr Frank, damit ich sehen 
kann . . . Nein, ich kann nichts besonderes finden . . . 
Aber jetzt muß ich in den Saal — der russische Bot- 
schafter hat mich für die Frangaise engagiert — er 
sucht mich gewiß schon . . . 

Ab in die Halle, 

ROBERT FRANK 

Sie tanzen nicht. Miß Cameron? 

JULIA CAMERON 

Ich tanze furchtbar gern — mit Leidenschaft kann 
ich wohl sagen — 

ROBERT FRANK 

Leider habe ich nicht den Mut, Sie zu engagieren. 
Ich bin immer ein schlechter Tänzer gewesen, und jetzt 
bin ich vollends aus der Übung. 

4 - 49 - 



JULIA CAMERON 

Sicherlich, bedeutende Männer tanzen niemals gut. 
Wenigstens hab ich beobachtet, daß Herren, die per- 
fekte Tänzer sind, gewöhnlich nicht an einem Über- 
schuß von Begabung leiden . . . Möglich, der Tanz 
ist eine Fertigkeit, die sich nicht mit einem stark ent- 
wickelten Gehirn verträgt. 

ROBERT FRANK 

Sie meinen, die eine Art Balance schließt die andere 
aus ? Nun, ich bin ja nicht kompetent genug, um mich 
zu dieser wissenschaftlichen Frage zu äußern. Jeden- 
falls aber bin ich Ihnen sehr verbunden, daß Sie meine 
Unzulänglichkeit als Tänzer in so liebenswürdiger Form 
erklären. 

JULIA CAMERON 

Jetzt machen Sie sich über mich lustig. Aber was 
ich sagte, war auch gewiß sehr dumm . . . 

DER JUNGE DIPLOMAT 

kommt aus dem Salon links. 
Ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich zu 
stören wage. Aber Sie wissen vielleicht nicht mehr. 
Miß Cameron, daß Sie mir die Frangaise versprochen 
haben — sie fängt nämlich gleich an . . . 

JULIA CAMERON 

Ach, das hatt ich ganz vergessen. Es tut mir sehr 
leid, aber ich habe den ganzen Abend getanzt und bin 
jetzt entsetzlich müde. Ich hoffe, Sie entschuldigen 
mich. Sie werden leicht eine andere Dame finden . . . 

- 50 - 



DER JUNGE DIPLOMAT 

Ich bedaure sehr ... Er entfernt sich. 

ROBERT FRANK 

Sie sagten, Sie seien müde, Miß Cameron. Wollen 
wir uns nicht setzen? 

Sie nehmen Platz im Vordergrunde rechts, 

JULIA CAMERON 
Herr Frank, ich möchte Ihnen brennend gern etwas 
sagen. Aber ich getraue mich nicht recht. Ich bin 
so kleinmütig in Ihrer Gegenwart . . . 

ROBERT FRANK 
Könnten Sie Ihre Scheu nicht überwinden und mir 
es trotzdem sagen — ? 

JULIA CAMERON 

Ja, ich muß wohl . . . Natürlich legen Sie wenig 
Gewicht auf das, was ein junges Mädchen von Ihrer 
Politik denkt. Aber es ist mein sehnlicher Wunsch, 
Ihnen zu sagen, wie sehr ich Ihren Plan bewundere, den 
Arbeitern Anteil am Gewinn zu sichern. Daß ein 
Mann wie Sie seine ganze Stellung für das Interesse 
der Arbeiter einsetzt, das ist großartig, ist einzig . . . 

ROBERT FRANK 

Miß Cameron, ich möchte in Ihren Augen nicht 
anders dastehen, als ich bin. Ich habe das Gesetz nicht 
den Arbeitern zuliebe gemacht. 

JULIA CAMERON 

Nicht für die Arbeiter? Für wen denn sonst? 

4* - 51 - 



ROBERT FRANK 

Für die Industrie im allgemeinen. Nicht sentimen- 
tale Rücksichten waren die Triebfeder, sondern einfach 
mein Sinn für Ökonomie. Ich kann und mag die 
Kraftvergeudung nicht länger mit ansehen, die durch 
diese ewigen Streiks verursacht wird, und so will ich 
denn versuchen, Ordnung in die Dinge zu bringen. 

JULIA CAMERON 

Aber die Arbeiter werden dadurch doch besser ge- 
stellt sein ? 

ROBERT FRANK 

Ganz gewiß werden die Arbeiter von meinem Gesetz 
ihren Vorteil haben. Aber auch die Arbeitgeber; sonst 
hätte ich mich auf die Sache nicht eingelassen. 

JULIA CAMERON 

Und ich, — ich glaubte, Sie seien eigentlich Sozialist. 

ROBERT FRANK 

Ich war es in meinen jungen Tagen. Was mir am 
Sozialismus zusagte, das war eben seine Forderung 
einer Organisation der Kräfte. Aber bald kam ich 
dahinter, daß derlei nicht das Entscheidende ist für 
die Masse der Partei. Wovon die Masse beherrscht 
wird, das sind nur Armeleut-Ideale. 

JULIA CAMERON 

Und jetzt verwerfen Sie also den Sozialismus? 

~ 52 - 



ROBERT FRANK 

Nicht unbedingt. Sozialismus — meinetwegen, aber 
nicht durchgeführt von Proletariern. Da tut eine 
Diktatur not. Die Diktatur der Intelligenz. 

JULIA CAMERON 

Aber ist die Sache nicht eigentlich so, daß die Partei 
mehr und mehr intelligente Leute um sich sammelt ? 
Ich war ganz überrascht, wie viele begeisterte Anhänger 
der Sozialismus an den Universitäten unter der stu- 
dierenden Jugend hat. 

ROBERT FRANK 

Es wird so viel geredet von der Begeisterung der 
Jugend für das Große und Edle. Aber was die Jugend 
besticht, das ist in der Regel nicht die ideelle Seite 
der Sache. Nein, das ist die Sensation. Und Sensa- 
tionen dauern nicht lange. 

JULIA CAMERON 

Das trifft leider zu, — auf viele. Aber für andere, 
glaube ich, ist der Sozialismus mehr als eine Sensation. 
Sie schließen sich ihm an, weil er ihrem Gerechtigkeits- 
gefühl entspricht. Denn darüber werden wir doch nie 
hinwegkommen, daß er grenzenlos ungerecht ist, dieser 
Unterschied, der zwischen Hoch und Niedrig gemacht 
wird. 

ROBERT FRANK 

Hoch und Niedrig muß sein. Die unten stehen, 
müssen ein lebendiges, erstrebenswertes Ziel vor Augen 
haben. Es ist der Anblick der Distanz und der Trieb, 

- 53 - 



sie zu überwinden, was die Kräfte in Bewegung setzt. 
Ohne Distanz kein Fortschritt. 

JULIA CAMERON 

Ich dachte auch nur an die künstliche Distanz, an 
den unverdienten Unterschied, der auf einer Zufällig- 
keit beruht. Der läßt sich doch nicht verteidigen. 
Denn an sich ist ja ein Mensch nicht geringer, wenn 
er in einer niedrigeren Gesellschaftschicht geboren ist. 

ROBERT FRANK 

Sie dürfen mir keine solchen Vorurteile zutrauen. Im 
Gegenteil, ich habe die Erfahrung gemacht, daß der 
Grundstoff in den verschiedenen Gesellschaftsschichten 
sich erstaunlich gleich ist. Reich und arm, Herr und 
Knecht, die sogenannten Vornehmen und die soge- 
nannten Gemeinen — im Durchschnitt ist es ungefähr 
dieselbe Krapüle. 

JULIA CAMERON 

Wenn sie aber von Natur gleich sind, warum soll 
dann die eine Klasse im Überfluß leben, während die 
andere darbt? 

ROBERT FRANK 

Ja, warum ? Da berühren Sie eben den springenden 
Punkt. Ungerecht ist es, — das geb ich zu. Gerech- 
tigkeit ist aber auch Nebensache. 

JULIA CAMERON 

Gerechtigkeit ist Nebensache? 

- 54 - 



ROBERT FRANK 

Es gibt etwas, das schwerer wiegt als die Rücksicht 
auf Gerechtigkeit, und das ist die Rücksicht auf die 
Kultur. Und die Kultur kann nicht ohne die Hilfe 
einer Elite gefördert werden. 

JULIA CAMERON 

Ich habe mich vielfach umgetan in der sogenannten 
besten Gesellschaft, und ich finde nicht, daß sie den 
Namen Elite verdient. 

ROBERT FRANK 

Unter Elite verstehe ich auch nicht die sogenannte 
beste Gesellschaft. Wohlstand, Kenntnisse, verfeinerte 
Lebensgewohnheiten — all das ist nur der Erdboden 
und die Atmosphäre, wo die Blume „Elite" wachsen 
und gedeihen kann. Die Elite selbst — das sind die 
Wesen, die der Welt beweisen, wie weit und hoch 
ein Mensch gelangen kann. 

JULIA CAMERON 

Aber solche Elitemenschen können doch auch in 
einer niederen Klasse geboren werden. 

ROBERT FRANK 

Geboren werden, ja. Aber auf die Dauer dort unten 
verharren, — das können sie nicht. Ihre Gedanken, 
ihre Werke verlangen Resonanz; sie verlangen eine 
Kulturgemeinschaft, die die Mittel hat, sich für an- 
deres und für mehr zu interessieren als nur für das 
tägliche Brot. Nämlich für all das Überflüssige, das 
im Grunde das Notwendigste ist, weil dadurch erst 
die zweibeinige Kreatur zum Menschen wird. 

~ 55 - 



JULIA CAMERON 

Darum soll also für die privilegierten Klassen eine 
Schutzwehr geschaffen werden . . . 

ROBERT FRANK 

Ja, nur darum. Nicht um dieser Klassen selbst wil- 
len, sondern um ein Milieu zu haben, das den höchsten 
Menschenexemplaren Licht und Luft vermittelt. Das 
ist weit wichtiger, als die Frage, ob die große Masse 
ein bißchen besser gekleidet und genährt ist. Denn 
aus ihr lassen sich doch immer nur Dreiviertelmenschen 
formen. 

JULIA CAMERON 

Allmählich begreife ich, warum Sie an der Herrschaft 
der oberen Klasse festhalten. Immerhin . . . Vernünf- 
tig mag sie sein, die gegenwärtige Ordnung der Dinge, 
aber es ist an ihr so manches, was mein Gefühl empört. 

ROBERT FRANK 

Wenn ich an der Herrschaft der oberen Klasse fest- 
halte, so geschieht das nur in Ermangelung eines 
Besseren . . . Der Geist sollte regieren, er allein . . . 
Einst in meiner Jugend schwebte mir eine Zukunft 
vor . . . Doch lassen wir das . . . 

JULIA CAMERON 

Nein, fahren Sie fort! Was war das für eine Zu- 
kunft ? 

ROBERT FRANK 

Ich schwärmte von einer Ordnung der Dinge, wo 
jene Elite der neue Souverän ist. Wenn sie ein 

- 56 - 



Bündnis schlösse, so wäre sie kraft ihres Geistes un- 
überwindlich. Aber sie dürfte ihre Macht nicht zu 
persönlichem Vorteil mißbrauchen. Im Gegenteil: 
sie müßte die Macht benutzen, um die andern zu heben. 
Die Elite sollte sich um eine gemeinsame Aufgabe 
scharen. Sollte sich dieser tastenden und unmündigen 
Menschheit annehmen, um aus ihr das Höchste zu 
machen, was sich überhaupt aus ihr machen läßt. 

JULIA CAMERON 

Ja! So soll es sein! Die Elite muß ein Bündnis 
schließen! Und ein Mann wie Sie muß an ihre Spitze 
treten! 

ROBERT FRANK 

Leider kann ich Ihrer schmeichelhaften Aufforde- 
rung nicht nachkommen. Die Sache hat nämlich einen 
Haken, und zwar, weil die Elite kein Bündnis schließen 
kann. 

JULIA CAMERON 

Und warum kann sie das nicht? 

ROBERT FRANK 

Weil das wider ihre Natur wäre. Von den Elite- 
menschen hat jeder sein eigenes, höchst individuelles 
Gepräge, und das muß sein, denn sonst wären sie nicht 
Elitemenschen. Aber gerade diese Eigenart hindert 
ihren Zusammenschluß . . . Die andern dagegen, die 
menschliche Durchschnittsware, die sind über einen 
Leisten geschlagen, — die sind geschaffen, als Herde 
dahinzuziehen. Sehen Sie sich nur unsere politischen 
Parteien an. 



57 



JULIA CAMERON 

Das Parteiwesen wäre also ein Zeichen geistiger 
Inferiorität ? 

ROBERT FRANK 

In gewissem Sinne, ja. Die Leute finden sich in 
dem, was ihnen gemeinsam ist, und das Gemeinsame 
ist notwendigerweise das Gewöhnliche. Und je ge- 
wöhnlicher sie sind, die Menschen wie ihre Ziele, um 
so größere Chancen sind für eine Parteibildung gegeben 
und damit auch für Überlegenheit und Sieg . . . Das 
eben macht die Politik so abgeschmackt und oft so 
hoffnungslos ... 

JULIA CAMERON 

Aber Sie haben doch die Politik zu Ihrer Lebens- 
aufgabe gewählt . . . 

ROBERT FRANK 

Bisher war sie nur ein Metier für mich. 

JULIA CAMERON 

Trotzdem muß es doch Augenblicke geben, wo sie 
Ihr Inneres ganz erfüllt. Wie heut nachmittag, als 
Sie dastanden im Parlamente. Ich denk es mir ein 
stolzes Gefühl, der Mann zu sein, auf den aller Augen 
gerichtet sind. Und zu wissen, Sie brauchen nur ein 
Wort zu sagen, und — das ganze Land ist in Bewe- 
gung gesetzt. 

ROBERT FRANK 

Ich versichere Ihnen, gerade in dem Augenblick 

- 58 - 



schweiften meine Gedanken meilenweit fort von aller 
Politik. 

JULIA CAMERON 
Ist das möglich? 

ROBERT FRANK 

Haben Sie nie die Erfahrung gemacht, daß in wich- 
tigen Momenten die Aufmerksamkeit mit Ihnen durch- 
gehen kann? Sie sollen sich auf ein Ding konzen- 
trieren, — die Situation verlangt es — , doch unwill- 
kürlich wird Ihr Interesse von einem Gegenstand ge- 
bannt, der ganz außerhalb der Sache liegt. Haben Sie 
das nie erlebt ? 

JULIA CAMERON 

Ja, nun Sie es sagen, erinnere ich mich . . . Nein, 
ich will es lieber nicht erzählen, — es ist so belanglos . . . 

ROBERT FRANK 

Erzählen Sie's doch. 

JULIA CAMERON 

Es ist bloß eine Kleinigkeit, etwas, das mir beim 
Examen passiert ist ... 

ROBERT FRANK 

Und was ist Ihnen da passiert? 

JULIA CAMERON 

Nichts weiter, als daß der Professor eine Frage an 
mich stellte und ich im selben Augenblick eine große 
Fliege bemerkte, die auffallend langsam über den Tisch 

- 59 - 



hinkroch, — ich mußte und mußte sie ansehen — sie 
hypnotisierte mich förmlich, so daß ich zu antworten 
vergaß . . . Das ist alles — zu dumm . . . 

ROBERT FRANK 

Nun wohl, etwas Ähnliches ist mir heute begegnet, 
doch mit dem Unterschied, daß es keine Fliege war, 
die mich beschäftigte. Nein, es war eine junge Dame. 
Und wissen Sie auch, wer das war ? — Das waren Sie, 
Miß Cameron. 

JULIA CAMERON 

Ich? 

ROBERT FRANK 

Sie saßen ja in der Loge, meinem Platz gerade gegen- 
über . . . Kaum wurde ich Sie gewahr, da rief Ihr 
Gesicht auch eine Erinnerung in mir wach. Eine von 
den Erinnerungen, die uns im Traum überkommen. 
Seltsam : blitzartig taucht in unserem Gedächtnis etwas 
auf, was wir doch nie erlebt haben . . . Obgleich — 
wer weiß . . . Sind Sie sicher. Miß Cameron, daß wir 
uns nie begeg;net sind? 

JULIA CAMERON 

Wo sollte das gewesen sein? 

ROBERT FRANK 

Ja, wo sollte das gewesen sein ? Nicht in der Existenz, 
die wir das Leben und die Wirklichkeit nennen. Aber 
vielleicht in einem anderen Dasein, von dem wir nur 
nichts wissen . . . Mehr als einmal, während wir hier 
saßen, hab ich das Gefühl des Wiedererkennens gehabt. 

-- 60 - 



JULIA CAMERON 

Die Freude des Wiedererkennens kann nicht sehr 
groß gewesen sein. Denn was ich im Laufe der Unter- 
haltung gesagt habe, ist so herzlich unbedeutend, daß 
ich mich fast schäme. 

ROBERT FRANK 
Dazu haben Sie keinen Grund. Und übrigens — es 
kommt gar nicht darauf an, was man sagt. Nicht 
die Worte allein offenbaren uns einen Menschen. Die 
Seele hat andere Wege, sich mitzuteilen . . . 

Von der Straße hört man wirren Lärm, 

ROBERT FRANK 

Was geht denn draußen vor ? . . . Ach ja . . . 

Gäste^ die sich in der Halle befinden^ sieht man in der Richtung 
des Ballsaales forteilen, 

JULIA CAMERON 

Auf der Straße muß ein Auflauf sein . . . 

ROBERT FRANK 

Nein, der Lärm kommt nicht von der Straße hier 
unten ... 

Er steht auf, zieht einen Vorhang zurück und öffnet das Fenster, 

ROBERT FRANK 

Es ist an der Ecke, auf dem großen Platz, an dem 
der Ballsaal liegt ... 

Julia Cameron geht ans Fenster, 

- 6i - 



ROBERT FRANK 

Wenn Sie sich aus dem Fenster lehnen, können Sie 
sehen, wie die Leute dorthin strömen . . . 

Jetzt intonieren einzelne Stimmen einen Gesang; mehr und mehr 

fallen ein^ und schließlich klingt es ^ wie aus hundert Kehlen. 

Der Gesang bricht ah. Man hört das Gestampf von Pferdehufen, 

Geschrei und Gejohle, 

ROBERT FRANK 

Da sind die berittenen Schutzleute. Jetzt räumen 
sie den Platz. 

JULIA CAMERON 

Die armen Menschen! Wenn nur kein Unglück 
geschieht ! 

ROBERT FRANK 

Nein, es ist Order gegeben, schonend vorzugehen. 
Seien Sie unbesorgt, Miß Cameron. 

PRÄTORIUS 

kommt eilig herein. 
Weißt du, was da vorgeht ? 

ROBERT FRANK 

Ja, ich kann es mir ungefähr denken. Aber du hast 
es vielleicht in der Nähe gesehen ? 

PRÄTORIUS 

Ich war im Ballsaal, als der Spektakel losbrach. Alle 
stürzten ans Fenster, um zu sehen, was los sei. Draußen 
stand der Pöbel und insultierte uns. „Nieder die 
Perlenkönigin!" rief man. Und dann sangen sie die 

- 62 - 



Internationale als Zugabe. Und so was passiert vor 
dem Botschaftshotel einer fremden Macht. Das ist 
ja ein kompletter Skandal ... 

ROBERT FRANK 

Ja, es ist eine fatale Geschichte. Aber jetzt ist doch 
die Menge zerstreut und der Unfug vorbei. Die Polizei 
war in den Seitenstraßen aufgestellt und in Bereitschaft, 
einzugreifen. 

PRÄTORIUS 

Du hast also gewußt, daß eine Demonstration beab- 
sichtigt war? Aber warum ist sie dann nicht ver- 
hindert worden? War' es nicht besser gewesen, in 
einem früheren Stadium einzugreifen ? 

ROBERT FRANK 

Du bist so fragselig, Prätorius, — Du bist zu neu- 
gierig. Ich gehe manchmal meine eigenen Wege, siehst 
du, — ich habe meine kleinen Geheimnisse, in die ich 
niemand einweihe. Es sei denn, daß ich sie eines Tages 
Miß Cameron anvertraute . . . Denn ich will hoffen, 
es ist nicht das letzte Mal, das wir uns gesehen haben ? 

JULIA CAMERON 

Nein, ich bleibe ja in der Stadt als Zeitungskorre- 
spondentin, und da . . . 

ROBERT FRANK 

Und da wollen Sie ein Interview haben, nicht wahr ? 
Ihre Tante hat es mir gesagt. Und unser Gespräch 
heut abend — das war kein Interview. 

- 63 - 



JULIA CAMERON 

Ich darf Sie also dieser Tage besuchen ? Ich fürchte 
nur, lästig zu fallen . . . 

ROBERT FRANK 

Durchaus nicht. Sie werden immer willkommen 
sein. Für Sie bin ich stets zu Hause. Das ist doch 
selbstverständlich, nun, da ich entdeckt habe, wir sind 
alte Bekannte. 

PRÄTORIUS 

So — du kennst Miß Cameron von früher? 

ROBERT FRANK 

Allerdings . . . Aber jetzt möchte ich vorschlagen, 
wir gehen hinein und sehen uns nach der Botschafterin 
und Mr. Hunter um. Ich möchte ihnen mein Be- 
dauern über diesen Vorfall aussprechen. 

PRÄTORIUS 
Ja, tu das nur ... Je mehr ich darüber nachdenke, 
desto peinlicher ist es . . . Daß es sich nicht ver- 
hindern ließ . . . Das geht mir über den Verstand . . . 

ROBERT FRANK 

Laß doch dein Spintisieren. Denk an das, was ich 
dir vom großen Chaos gesagt habe. Dies war nur das 
Vorspiel. 

PRÄTORIUS 

Das große Chaos? Allmählich furcht ich in der 
Tat, es ist dein Ernst . . . 

Robert Frank lächelt und bietet Julia Cameron den Arm, Alle drei 
ab in die Halle, 



: ZWEITER AKT 

Ein Saal im Ministerium des Innern, In der Mitte ein länglicher^ 
grünbezogener Beratungstisch; Stühle mit hohen Lehnen. An den 
Wänden Porträte früherer Minister; alle in Uniform. Rechts zwei 
tief gewölbte Fenster-^ dazwischen ein sehr breiter Pfeiler. An dem 
hinteren Fenster ein Schreibtisch. Weiter vorn^ an derselben Seite^ 
ein runder Tisch^ auf dem Zeitschriften und Zeitungen liegen; um 
den lisch einige Fauteuils. Links eine Flügeltür zum Zimmer des 

Sekretärs. 
ROBERT FRANK steht am Beratungstisch und blättert in Doku- 
menten. 

EIN AMTSDIENER 

öffnet die Flügeltür und meldet: 
Seine Exzellenz der Herr Verkehrsminister. 

ROBERT FRANK 
Ist Herr Winkelmann noch nicht wieder da? 

DER AMTSDIENER 
Herr Sekretär Winkelmann ist noch nicht einge- 
troffen, Exzellenz. 

ROBERT FRANK 

Lassen -Sie den Herrn Minister eintreten. 

Der Amtsdiener ab und DER VERKEHRSMINISTER erscheint. 

Frank lädt ihn mit einer Handbewegung ein^ sich zu setzen. Beide 

nehmen am Beratungstisch Platz, 

ROBERT FRANK 

Mit was für Hiobsposten haben Sie mir wieder auf- 
zuwarten, lieber Kollege? 

- 65 - 



DER VERKEHRSMINISTER 

Hiobspost en sind ja leider an der Tagesordnung — 
-Unordnung hieße es richtiger . . . Hier hab ich eine 
Liste mit den Ereignissen der letzten vierundzwanzig 
Stunden. 

Er öffnet ein Portefeuille. 

ROBERT FRANK 

Das gewöhnliche Menü? Umgeworfene Telegra- 
phenstangen, zerschnittene Telephondrähte ? Danke 
sehr, ' — deswegen brauchen Sie sich nicht in Unkosten 
zu stürzen . . . Haben Sie nichts von besonderer Wich- 
tigkeit ? 

DER VERKEHRSMINISTER 

Allerdings. Auf dem Ostbahnhof ist vor zwei Stun- 
den eine Dynamitbombe entdeckt'' worden . . . 

ROBERT FRANK 

Ich weiß schon. Die Bombe war mit einem Uhr- 
werk verbunden, das auf elf eingestellt war. 

DER VERKEHRSMINISTER 

Jawohl. Da hätte das ganze Gebäude in die Luft 
gehen können . . . 

ROBERT FRANK 
Das möcht ich sehr bezweifeln. Der Mechanismus 
hatte einen Konstruktionsfehler. Mit diesem Atten- 
tat ist's wie mit den früheren: nur Stümperarbeit, 
von der Hand unverantwortlicher Individuen . . . 
Nicht anders ist es mit dem bissei Sabotage hier und 
dort — bloß Kindereien: es ist kein System darin. 

- 66 - 



DER VERKEHRSMINISTER 

Die Sabotage ist immerhin fatal. 

ROBERT FRANK 

Ja, aber sie würde mit ganz anderm Nachdruck 
betrieben werden, wenn die Organisation dahinter- 
stünde. Indessen, — die Führer suchen im Gegenteil 
Gewalttätigkeiten zu verhindern. 

DER VERKEHRSMINISTER 

Auf die Dauer müssen sie 's wohl aufgeben, ihren 
Leuten zur Vernunft zu reden, denn die Gärung wird 
von Tag zu Tag stärker. Gestern gab es eine ganze 
Reihe Zusammenstöße. Arbeitswillige begoß man 
mit Vitriol. Und Blut ist an verschiedenen Orten 
geflossen. 

ROBERT FRANK 

Nur nicht genug Blut ist geflossen. Dieser ganze 
Unfug ist Lappalie — es muß ganz anders kommen, 
wenn wir zum entscheidenden Schlag ausholen wollen. 
Der Wahnsinn hat sich nicht in dem Tempo entwickelt, 
wie es zuerst den Anschein hatte . . . Wissen Sie noch, 
— die fabelhafte Aufregung, bevor der Streik losbrach ? 
Und ich ließ die Ruhestörer ihr Mütchen kühlen — . 
Geben Sie nur zu, daß Sie sich über meine Langmut 
gewundert haben ... 

DER VERKEHRSMINISTER 

Ja, offen gestanden, wir haben uns alle gewundert. 

ROBERT FRANK 

Ich verhielt mich abwartend, weil ich dachte, auf 

5* — 67 — 



die Art würde das Geschwür am ehesten reif. Aber 
ich habe mich geirrt. Kaum war der Generalstreik 
verkündet, als auch die Syndikalisten schon ihre Taktik 
änderten und zur Vorsicht mahnten. Sie sind klug 
genug, um einzusehen, daß sie der schwächere Teil 
sind in dem Moment, wo sie uns Gelegenheit geben, 
mit bewaffneter Macht einzuschreiten. 

DER VERKEHRSMINISTER 

Der Fanatismus wird unbedingt die Oberhand be- 
kommen. Die Erbitterung ist um verschiedene Grade 
gestiegen, nachdem wir die wehrpflichtigen Eisenbahner 
zwangsweise zum Dienst einberufen haben. 

ROBERT FRANK 

Ja, diesen Schritt haben sie uns nicht zugetraut. 
Und ein Risiko war es auch . . . Angenommen, die 
Ausständigen hätten die Order mit einer Massen- 
weigerung beantwortet . . . Aber wie weit kommen 
wir mit diesem Notbehelf? Sie können den gewöhn- 
lichen Verkehr doch gewiß nur zur Hälfte aufrecht 
erhalten ? 

DER VERKEHRSMINISTER 

Kaum das. Aber selbst, wenn wir noch eine Weile 
so weiter wirtschaften, so werden wir schließlich doch 
den ganzen Eisenbahnbetrieb wegen Kohlenmangels 
einstellen müssen. Die Vorräte reichen nicht aus — das 
ist auch eine Folge dieses unglückseligen Streiks. Was 
dann geschehen wird, wag ich nicht auszudenken. 
Schon jetzt haben wir eine Teuerung für vielerlei 
Lebensbedürfnisse ... 



ROBERT FRANK 

Offenbar ist es kein Vergnügen, heutigentags Ver- 
kehrsminister zu sein . . . Der Postverkehr ist un- 
regelmäßig, und für Telegraph und Telephon können 
Sie wohl auch nicht länger einstehen. 

DER VERKEHRSMINISTER 

Nein, — die Streikseuche greift nach allen Seiten 
um sich. Jetzt drohen sogar die Bürobeamten sich 
den Arbeitern anzuschließen — sie sind mit ihrem Los 
unzufrieden und nützen die Situation zu unmöglichen 
Forderungen aus. Und in den städtischen Anstalten 
fängt der Betrieb auch zu stocken an: Gaswerke, Elek- 
trizitätswerke und so weiter . . . Himmlischer Vater, 
welcher Zukunft gehen wir entgegen ! Ohne Maschinen, 
ohne Licht, ohne Lebensmittelzufuhr! Hungersnot, 
Epidemien, Revolutionen — der Kladderadatsch . . . ! 

ROBERT FRANK 

Hören Sie auf, lieber Kollege, hören Sie auf, Sie 
neuer Jeremias, und schwelgen Sie nicht so wollüstig 
in Schrecken und Jammer! Wenn Sie so fortfahren, 
enden wir beide noch mit Selbstmord . . . Gewiß, es 
mag toll aussehen, aber glauben Sie mir: trotz allem 
brauchen wir nicht zu verzweifeln. 

DER VERKEHRSMINISTER 

Vielleicht jetzt noch nicht. Aber kommt es soweit, 
wie wir zu befürchten Grund haben . . . 

ROBERT FRANK 

Wir lassen es einfach nicht soweit kommen. 

- 69 - 



DER HANDELSMINISTER 

Ja, aber wie sollen wir der Sache Einhalt tun ? 

DER AMTSDIENER 

erscheint und meldet. 
Seine Exzellenz der Herr Kriegsminister! 

DER KRIEGSMINISTER tritt ein, grüßt und setzt sieb zu den 
andern, 

DER KRIEGSMINISTER 

Ich komme soeben vom Schloß. Von einer Audienz. 

ROBERT FRANK 

Nun, und wovon war die Rede ? 

DER KRIEGSMINISTER 

Seine Majestät war sehr besorgt über die Lage der 
Dinge. 

ROBERT FRANK 

Das ist ja nichts Neues. Aber er hat Sie doch gewiß 
nicht ins Schloß holen lassen, nur um Ihnen seine Not 
so ganz im allgemeinen zu klagen. Es handelte sich doch 
vermutlich um ein besonderes Anliegen? 

DER KRIEGSMINISTER 

Jawohl. Seine Majestät fühlte sich durch das Dekret 
des Belagerungszustandes beunruhigt. Höchstderselbe 
würde am liebsten sehen, wenn es nicht in Kraft träte, 
und meinten, ob es sich nicht auf irgendeine Art 
vermeiden ließe . . . 

ROBERT FRANK 

Und Sie haben sich auf die Erörterung einer solchen 
Frage eingelassen? 

~ 70 - 



DER KRIEGSMINISTER 

Ich konnte doch der Sache nicht gut aus dem Wege 
gehen, da Seine Majestät sie nun einmal zur Sprache 
brachte. 

ROBERT FRANK 

Hm . . . Sie wissen doch, mein bester General, ich 
halt es nicht gerade für förderlich, wenn die Herren 
Ressortminister sich über Politik äußern, ohne daß ich 
zugegen bin . . . Na, und was war denn nun mit dem 
Dekret los? Warum sollt es nicht in Kraft treten? 

DER KRIEGSMINISTER 

Majestät sagte, es sei im Grunde nie seine Ab- 
sicht gewesen, seine Unterschrift unter das Dekret zu 
setzen. Man habe sie ihm durch Überrumpelung ab- 
gezwungen . . . Ich bitte um Entschuldigung, aber ich 
wiederhole nur die Ausdrücke, die . . . 

ROBERT FRANK 
Bitte recht sehr. Daß der alte Herr mir allerlei 
zutraut, daran habe ich mich allmählich so gewöhnt, 
daß es mich kalt läßt . . . Eine Überrumpelung, sieh 
mal an . . . Hat er Ihnen denn nicht erzählt, wie die 
Unterzeichnung zustande kam? 

DER KRIEGSMINISTER 

Mit den näheren Umständen hat man mich nicht 
bekannt gemacht. 

ROBERT FRANK 

Allerdings hat er sich im Anfang gesträubt, so oft 
der Belagerungszustand aufs Tapet kam. Alle meine 

- 71 - 



Vorstellungen fruchteten nichts. Aber da kam die 
Demonstration vor der amerikanischen Botschaft. Der 
Mob unterstand sich, sogar den Gesandten einer frem- 
den Macht zu insultieren ! Dieser Vorfall machte Ein- 
druck auf den König, und ich bekam mein Dekret. 

DER KRIEGSMINISTER 

Aber bisher ist es doch gar nicht zur Ausführung 
gelangt. 

ROBERT FRANK 

Nein; — ich ließ das Datum frei und behielt diese 
Waffe für den rechten Zeitpunkt in Reserve. Ich habe 
lange gewartet, doch jetzt ist der Augenblick da: heute 
wird der Belagerungszustand für das ganze Land 
proklamiert. 

DER VERKEHRSMINISTER 

Heute ? 

ROBERT FRANK 
Heut um 12 Uhr. 

DER VERKEHRSMINISTER 

Und warum gerade heut? 

ROBERT FRANK 
Weil heute sich etwas ereignen wird, das uns die 
Anwendung der äußersten Mittel zur Pflicht macht. 
Was sich ereignen wird, das sag ich Ihnen jetzt nicht, 
— doch Sie werden es noch früh genug erfahren. 

DER KRIEGSMINISTER 

Aber darauf war ich ja gar nicht vorbereitet! Da 

-- 72 - 



müssen ja gleich Orders an die kommandierenden 
Stellen . . . Doch was für Instruktionen soll ich geben ? 
Darüber haben wir doch noch gar nicht konferiert! 

ROBERT FRANK 
Das ist auch überflüssig. Die Instruktionen habe 
ich erteilt. Vor einer Stunde wurden sie den komman- 
dierenden Generalen zugestellt. 

DER KRIEGSMINISTER 

Sie sind ihnen doch nicht direkt zugestellt worden ! 

ROBERT FRANK 

Natürlich durch das Kriegsministerium als Zwischen- 
instanz. Der Abteilungschef hat die Instruktionen auf 
meine Anordnung weitergegeben, während Sie auf 
dem Schlosse waren. Es war keine Zeit zu verlieren, — 
und streng genommen, geht die Sache Sie ja auch 
nichts an. 

DER KRIEGSMINISTER 

Geht mich nichts an ? 

ROBERT FRANK 

Nicht unmittelbar. Lägen wir im Krieg mit dem 
Ausland, so würde ich Ihre Kompetenz nicht bestreiten. 
Hier aber stehen wir inneren Unruhen gegenüber, und 
da hat der Minister des Inneren zu entscheiden, welche 
Maßregeln zu treffen sind. Der Kriegsminister hat 
nur dafür zu garantieren, daß die Truppen, die requi- 
riert werden, in guter Kondition sind. Und das, denk 
ich, wird wohl der Fall sein. 

- 1Z- 



DER KRIEGSMINISTER 

Die Truppen sind ausgezeichnet, in jeder Beziehung. 
Die Syndikalisten hätten sich die Mühe sparen können, 
ihre Zeitungen und Flugschriften in die Kasernen ein- 
zuschmuggeln. Räudige Schafe gibt es freilich unter 
den Mannschaften, — aber im großen ganzen ist der 
Geist tadellos. 

ROBERT FRANK 

Das entspricht den Mitteilungen, die mir von ande- 
rer Seite geworden sind. Uns hindert also nichts, rück- 
sichtslos vorzugehen. 

DER KRIEGSMINISTER 

Nein, insofern und von diesem Gesichtspunkt 
nicht . . . Aber Seine Majestät äußerte einen Wunsch, 
den ich zur Sprache bringen muß . . . 

ROBERT FRANK 

Was für einen Wunsch? 

DER KRIEGSMINISTER 

Seine Majestät nahm an, daß der Belagerungs- 
zustand vor der Tür stehe. Und da meinte Höchst- 
derselbe, die Unruhen sollte man soweit wie möglich 
durch Polizei und nur ausnahmsweise durch Militär 
dämpfen. 

ROBERT FRANK 

Und als Grund hat er vermutlich angegeben, man 
solle die Armee nicht dadurch unpopulär machen, 
daß man sie gegen das Volk marschieren lasse ? 

- 74 - 



DER KRIEGSMINISTER 

Ganz recht. Seine Majestät fügte hinzu: wenn es 
nötig würde, Militär zu requirieren, so müßte jeden- 
falls dafür gesorgt werden, daß die Soldaten mit aller 
erdenklichen Schonung vorgehen. 

ROBERT FRANK 

Sollen sie vielleicht mit Feuerspritzen ausrücken? 

DER KRIEGSMINISTER 

Im Stillen nährte ich selbstverständlich meine unter- 
tänigen Zweifel. Aber ich konnte doch nicht mit der 
Sprache heraus. Ich bin ein alter Offizier, und wenn 
ich dem obersten Kriegsherrn gegenüber stehe. Aug 
in Auge . . . 

ROBERT FRANK 

Welchem obersten Kriegsherrn? 

DER KRIEGSMINISTER 

Ich verstehe nicht . . . ? 

ROBERT FRANK 

Sagen Sie mal: hat nicht eine gewisse hochgestellte 
Dame an der Audienz teilgenommen? 

DER KRIEGSMINISTER 
Ja, Ihre Majestät war zugegen. 

ROBERT FRANK 

Dann weiß ich schon, wer dieser oberste Kriegsherr 
gewesen ist . . . Nun, und was antworteten Sie auf die 
sonderbare Zumutung? 

- 75 ~ 



DER KRIEGSMINISTER 

Ich antwortete, der Wunsch Seiner Majestät solle 
erfüllt werden, soweit es in meiner Macht stehe. 

ROBERT FRANK 

Wie ich Ihnen bereits erklärt habe, liegt die Ange- 
legenheit ganz außerhalb Ihrer Machtbefugnisse. Das 
Versprechen, das Sie gegeben haben, verpflichtet Sie 
also zu gar nichts. Und ebensowenig verpflichtet es 
mich, da es ja nicht in meinem Namen gegeben ist . . . 
Er steht auf. Für den Augenblick habe ich Ihnen nichts 
mehr zu sagen, meine Herren. Die beiden anderen stehen 
gleichfalls auf. Aber ich bitte Sie, um zwei Uhr pünkt- 
lich zur Konferenz zu kommen. Wir werden wich- 
tige Dinge zu besprechen haben ... 

Der Verkehrsminister und der Kriegsminister ah. 
WINKELMANN tritt ein. 

ROBERT FRANK 

Da bist du ja endlich. Zum Henker, wo steckst 
du nur so lange? 

WINKELMANN 
Hast du mich nicht etwa selbst aus dem Haus ge- 
hetzt ? Hab ich nicht nach dem äußersten Ende der 
Stadt zu Fuß rennen müssen, hin und zurück? Du 
weißt doch ganz gut : keine Elektrische, keine Droschke 
fährt mehr. Und ich, ich habe kein Automobil zur 
Verfügung . . . 

ROBERT FRANK 

Es wäre auch unvorsichtig, im Osten sich jetzt im 
Automobil zu zeigen. Du hättest dich bemerkbar 

- 76 - 



gemacht, Leporello, und die Leute der Vorstadt wären 
zudringlich geworden. 

WINKELMANN 
Das sind sie so wie so geworden. Zu meinem Pech 
traf ich einen Kerl, der mich kannte. Den Mann einer 
Scheuerfrau, die ich wegen Faulheit weggejagt hatte. 
Der wollte sich jetzt rächen und brüllte den Umstehen- 
den zu: „Da ist ja einer von den verdammten Aus- 
beutern, die den Rahm abschöpfen von dem Schweiß der 
Arbeiter". . . Hat man je solchen Blech gehört ! Hätte 
er wenigstens recht gehabt, — aber ich habe in meinem 
Leben nicht den Rahm von irgend was abgeschöpft . . . 

ROBERT FRANK 

Nun, und weiter? 

WINKELMANN 
Im selben Augenblick war ich auch schon von einem 
rasenden Haufen umzingelt. Die Allerschlimmste war 
ein Weibsbild, ein gewaltiges Mensch ohne Nase, die 
mit ihrer Totenfratze mir ins Gesicht fuhr und johlte: 
sie wolle mein Herzblut trinken. Ich rieche noch jetzt 
den Branntweingestank, der aus ihrem scheußlichen 
Rachen duftete. Ach, mir ist ganz übel ... Ja, Du 
kannst lachen, — wärst du nur . . . 

ROBERT FRANK 

Verzeih meine Fröhlichkeit, Leporello, aber ich hab 
in dieser ernsten Zeit wirklich ein bißchen Amüsement 
nötig. Du verlangst doch nicht etwa, ich soll mir dein 
kleines Abenteuer zu Herzen nehmen. Denn dein 
kostbares Fell ist ja nicht beschädigt, wie ich sehe. 

- 77 - 



WINKELMANN 
Aber es fehlte nicht viel. Im letzten Augenblick 
kam eine Polizeipatrouille, und der schloß ich mich an. 
Ich war auf dem Heimweg und hatte glücklicherweise 
meinen Auftrag schon erledigt. 

ROBERT FRANK 

Ja, nun zur Hauptsache — . Du hast also den Mann 
an dem verabredeten Ort getroffen? 

WINKELMANN 

Allerdings, und ich muß sagen. Mann und Ort waren 
einander wert, — Galgengesicht und Mördergrube. 
Wenn man bedenkt, — ich, ein früherer Philologe und 
Oberlehrer muß mich mit solchen Subjekten ein- 
lassen ... 

ROBERT FRANK 

Na hör mal, du bist doch selbst ein ziemlich durch- 
triebener Filou . . . Aber jetzt bitte, — das Ergebnis 
des Rendezvous ? Kann uns der Mann wirklich nützlich 
sein ? Haben die Papiere Wert, die er verkaufen will ? 

WINKELMANN 
Er behauptet wenigstens, sie seien hinreichend be- 
weiskräftig, um alle Syndikalistenführer ins Zuchthaus 
zu bringen. Ich habe sie durchgelesen, finde aber nicht, 
daß sie sonderlich kompromittierend sind. Jedenfalls 
sind sie den fabelhaften Preis nicht wert, den er ver- 
langt. Das sagte ich ihm auch, aber da setzte er eine 
so unheimliche Fratze auf, daß ich ihm schleunigst 
versprach, du werdest sein Anerbieten in Erwägung 
ziehen. Und ich war froh, als ich aus seiner Höhle 
wieder heraus war ... 

- 78 - 



ROBERT FRANK 

Ja, ich habe die Geschichte gleich für Humbug ge- 
halten. Beweisstücke gibt es wohl, aber man muß 
sie anderswo suchen. Im Notfall geht es auch ohne 
sie . . . Ja, jetzt kannst du gehen, Leporello. Aber 
bleib im Vorzimmer, — ich wünsche, du sollst die 
Besucher melden, und nicht der Amtsdiennr. Ich 
erwarte jetzt gleich eine höchst ansehnliche Deputation, 
die beanspruchen darf, von keinem Geringeren als von 
dir, meinem Geheimsekretär, introduziert zu werden. 

WINKELMANN 

Wer ist das ? 

ROBERT FRANK 

Ja, wenn du das wüßtest! Du würdest auf den 
Rücken fallen . . . Nein, ich sag dirs nicht — ich will 
Dich überraschen . . . 

Winkelmann ab; doch er erscheint gleich wieder in der Tür, 

WINKELMANN 

Prätorius ist da und möchte dich sprechen. 

ROBERT FRANK 
Bitte schön. 

Winkelmann zieht sich zurück, und PRÄTORIUS tritt ein, 

ROBERT FRANK 

Guten Tag, Prätorius. Womit kann ich dienen? 

PRÄTORIUS 

Gestatte mir zunächst eine Frage. Was hat das zu be- 
deuten, daß das Gebäude hier von Militär bewacht wird ? 

^ 79 ^ 



ROBERT FRANK 

So, — das hast du bemerkt? 

PRÄTORIUS 

Als ich durch das Hauptportal kam, stand die Tür 
zum Hof offen. Sie wurde zwar gleich zugemacht, 
aber ich hatte doch ein Peloton Gendarmen entdeckt, 
das im Hof aufgestellt war. Das sieht ja aus, als seist 
du auf eine Belagerung gefaßt . . . 

ROBERT FRANK 

In diesem Fall würde ich mich doch nicht mit einer 
Handvoll Gendarmen begnügen. Herrgott, — man 
braucht eben in diesen Tagen Bewachung. Zerbrich 
dir deswegen den Kopf nicht, Prätorius, setz dich 
lieber und sag mir, was dich herführt. 

Beide setzen sich an den runden Tisch rechts, 

PRÄTORIUS 

Ich komme im Auftrag des Verbandes der Arbeit- 
geber. Gestern abend war Vorstandssitzung, und es 
gab nur eine Stimme : die Lage ist unhaltbar geworden. 
So wurde beschlossen, unter der Hand an die Regierung 
heranzutreten, daß sie die Initiative zu einer Vermitt- 
lung ergreife. Die Arbeitgeber sind zu einem Vergleich 
bereit. 

ROBERT FRANK 

Auf welcher Grundlage? 

PRÄTORIUS 

Ja, darüber war man sich noch nicht ganz klar. Aber 

- 80 -~ 



man meinte: sind erst Verhandlungen eingeleitet, 
so wird sich schon irgendein Kompromiß finden lassen. 

ROBERT FRANK 

Ich sehe keine Möglichkeit eines Kompromisses. Der 
ganze Kampf dreht sich doch um eine Machtfrage, 
wo die Arbeitgeber keine Zugeständnisse machen 
können, ohne sich zugleich auf Gnade und Ungnade 
zu ergeben. 

PRÄTORIUS 

Aber man könnte es doch zum mindesten auf einen 
Versuch ankommen lassen. 

ROBERT FRANK 

Selbst wenn wider Erwarten ein Vergleich zustande 
käme, so wäre er doch nur die Quelle neuer Streitig- 
keiten. Oder bildest du dir ein, die Syndikalisten 
würden sich zufrieden geben? Diesmal sagen sie zu 
den Arbeitgebern : „Ihr sollt nichtorganisierte Arbeiter 
nicht in größerer Anzahl einstellen dürfen, als die Ge- 
werkschaften erlauben." Das nächstemal gehen sie 
weiter und verlangen, die Gewerkschaften sollen allein 
das Feld beherrschen. Sie wollen die ganze Arbeiter- 
masse in die Organisationen hineintreiben und damit 
jeden Betrieb in der Hand haben. Klassenkampf bis 
zum Äußersten . . . Nein, dieses Elend zu verlängern, 
dazu leih ich nicht meine Hand. Ich bin für keine 
Vermittlung zu haben. 

PRÄTORIUS 

Du sprichst gerade, als bliebe uns eine Wahl. Aber 
hier ist keine Wahl. Wir müssen zu einer Eini- 

6 - 8l - 



gung mit den Arbeitern kommen, sonst gibt es 
eine nationale Katastrophe. Bedenke doch: unsere 
wesentlichen Industrien liegen brach; Kohlengruben 
und Bergwerke sind wie ausgestorben; die Metall- 
fabriken feiern; die Textilfabriken ebenfalls. Hier fehlt 
es an Arbeitskräften, dort an Rohstoffen oder Brenn- 
material. Inzwischen reißt die ausländische Konkurrenz 
die Aufträge an sich und verdrängt uns vom Markt. 
Schon in den acht Tagen, die der Streik jetzt dauert, 
ist dem Lande unberechenbarer Schaden erwachsen, 
' — noch acht Tage, und wir haben den Krach. 

ROBERT FRANK 

Das weiß ich alles so gut wie du. Aber in acht Tagen 
wird sich die Situation geändert haben. 

PRÄTORIUS 

Es ist doch wirklich keine Zeit zu verlieren, — denn 
die Panik ist schon da. Das Kapital verläßt das Land, 
das Publikum stürmt Banken und Sparkassen, die In- 
dustrieaktien sinken — auch ich habe bei diesem Kurs- 
sturz recht ordentlich verloren , . . Könnt ich nur 
realisieren, ehe die Papiere ganz wertlos sind ... 

ROBERT FRANK 

Wenn du auf mich hörst, so verkaufst du nicht, 
sondern kaufst hinzu. Du kannst ein glänzendes Ge- 
schäft machen; denn die Industriepapiere werden sehr 
bald wieder steigen. 

PRÄTORIUS 

Kaufst du denn? 

- 82 - 



ROBERT FRANK 

Nein, natürlich nicht. Als Minister kann ich mich 
anständigerweise nicht auf Börsenspekulationen ein- 
lassen, besonders nicht, wenn ich Einfluß auf das Re- 
sultat habe. Immerhin darf ich andern einen freund- 
schaftlichen Wink geben. 

PRÄTORIUS 

Du meinst also, die Dinge werden eine günstige 
Wendung nehmen ? Schön — aber woher nimmst du 
diese Zuversicht ? Verfügst du etwa über einen gehei- 
men Zauberstab ? Denn mit Machtmitteln kannst du 
doch hier nichts ausrichten. Das ist ja das Verzweifelte 
an der Situation, daß man diesen Leuten unmöglich 
zu Leibe kann: die Arbeit niederzulegen, das ist ja nur 
ihr gutes Recht. 

ROBERT FRANK 

Die Stellung der Syndikalisten ist allerdings unan- 
greifbar, solange sie sich in den gesetzlichen Grenzen 
halten. 

PRÄTORIUS 

Und da lassen sie sich nicht herauslocken, — den Ge- 
fallen tun sie dir nicht. 

ROBERT FRANK 

Du vergißt eins — kommt der Berg nicht zum Pro- 
pheten, so kommt der Prophet zum Berge. 

PRÄTORIUS 
Das versteh ich nicht. 

6* - 83 -- 



ROBERT FRANK 

Du wirst es bald verstehen. 

WINKELMANN 

tritt ein. 
Eine Dame ist im Vorzimmer. Sie hat schon eine 
Weile gewartet und läßt fragen, ob sie später wieder- 
kommen darf, und um welche Zeit. 

Er reicht Robert Frank eine Visitenkarte, 

ROBERT FRANK 

wirft einen Blick auf die Karte und geht zur Tür, die er öffnet» 
Aber bitte, so treten Sie doch ein, Miß Cameron. 
Es tut mir sehr leid, daß Sie haben warten müssen. 
Hätte ich nur eine Ahnung gehabt . . . 

JULIA CAMERON 

erscheint in der Tür, 
Stör' ich auch nicht? Die Herren hatten gewiß 
eine Konferenz . . . 

ROBERT FRANK 

Ihr Besuch ist mir wichtiger als alle Konferenzen 
dieser Welt. 

Winkelmann ab, Prätorius ist aufgestanden, Begrüßung, Frank 
bietet Julia Cameron einen Fauteuil an. Alle drei nehmen Platz, 

JULIA CAMERON 

Bitte entschuldigen Sie nur meine Zudringlichkeit. 
Aber wir Journalisten können nicht immer so rück- 
sichtsvoll sein, wie wir gern möchten. Ich habe von 
meinem Newyorker Blatt ein Telegramm erhalten, das 
mich zu diesem Besuche nötigt. 

- 84 - 



ROBERT FRANK 

Sie „nötigt" ? Ist es Ihnen denn so unangenehm, 
mich zu besuchen ? 

JULIA CAMERON 

Natürlich ist es mir etwas peinlich, weil ich ja doch 
weiß, wie furchtbar beschäftigt Sie in diesen Tagen 
sind. Sie haben wichtigere Dinge zu tun, als einem 
Zeitungskorrespondenten Rede und Antwort zu stehen. 

ROBERT FRANK 

Ich werde Ihnen mit Freuden jede gewünschte Aus- 
kunft geben. Ja, ich will noch mehr tun. Ich werde 
Ihnen Gelegenheit verschaffen, alle anderen Korrespon- 
denten auszustechen. 

JULIA CAMERON 

Sehr liebenswürdig von Ihnen ! Aber wie ? 

ROBERT FRANK 
Hier in diesem Zimmer werde ich jetzt gleich eine 
Zusammenkunft haben, die für den Gang der Ereig- 
nisse entscheidend sein wird. Wenn Sie wollen, können 
Sie als Augen- und Ohrenzeuge dabei sein . . . Auch 
du, Prätorius, — da du doch mal hier bist . . . 

PRÄTORIUS 

Eine Zusammenkunft? Mit wem? 

ROBERf FRANK 

Mit dem Zehnerkomitee der Syndikalisten. Levinski 
hat mir gestern abend sagen lassen, er und seine Kolle- 

- 85 - 



gen wünschten mich heut mittag aufzusuchen. Sie 
müssen jeden Augenblick hier sein. 

PRÄTORIUS 

Und das sagst du mir erst jetzt! . . . Dann stehen 
ja die Dinge gar nicht so verzweifelt! Sie wollen 
natürlich auch einen Vergleich wie die Arbeitgeber, 
und nun kommen sie, um die Vermittlung der Regie- 
rung anzurufen. Und wenn beide Parteien das tun, 
so kannst du unmöglich ablehnen. 

ROBERT FRANK 

Wie kannst du nur so vertrauensselig sein, Prätorius. 
Wollten sie um gut Wetter bitten, so würden sie 
einen Vermittler schicken und nicht selber anrücken 
mit Trommeln und Trompeten. Wenn Levinski sein 
Zehnerkomitee in corpore aufbietet, so will er sich 
eben in Positur setzen und mir sein Ultimatum ent- 
gegenschmettern. 

JULIA CAMERON 

Ich war gestern mit Herrn Levinski zusammen, und 
da sagte er, keine Macht der Erde könne die Syndika- 
listen hindern, ihren Willen durchzusetzen. 

ROBERT FRANK 
Da hast du's, Prätorius ... So, — Sie haben mit 
Levinski gesprochen . . . 

JULIA CAMERON 
Ja, mehrere Male. 

- 86 - 



ROBERT FRANK 
Mehrere Male sogar. Und zu mir kommen Sie 
erst jetzt . . . Wie hat er denn auf Sie gewirkt ? 

JULIA CAMERON 

Ich weiß nicht recht. Interessant ist er jedenfalls. 
Und er hat etwas von einem Scharmeur. Man sagt ja, 
er sei Lassalle ähnlich. 

ROBERT FRANK 

Wenigstens im Äußeren. Und auf diese Ähnlichkeit 
tut er sich auch was zugute. Denn eine Eigenschaft 
hat er unleugbar mit Lassalle gemein: die ungeheure 
Eitelkeit ... Sie nannten ihn einen Scharmeur, Miß 
Cameron . . . 

JULIA CAMERON 

Scharmeur ist vielleicht nicht das richtige Wort. Wir 
Amerikaner haben da einen treffenderen Ausdruck 
— von einem Führer wie Herrn Levinski würden wir 
sagen, er sei magnetisch. 

ROBERT FRANK 

Magnetisch für die Volksmassen — allerdings. Die 
tönende Phrase, dieses hieb- und stichfeste Selbst- 
bewußtsein, dieser brutale Fanatismus — das verfehlt 
niemals seinen Eindruck auf den großen Haufen. Aber 
daß es auf Sie Eindruck machen sollte, das will mir 
nicht in den Kopf. 

JULIA CAMERON 

Was auf mich wirkt, ist seine intensive Persönlich- 
keit. Eitel ist er zweifellos, und Phrasen verschmäht er 

- 87 - 



auch nicht. Aber hinter den kleinen Schwächen spürt 
man doch immer die feurige Seele. Er ist heiß erfüllt 
von einem Glauben, für den er freudig in den Tod 
gehen würde. Sähen Sie ihn nur erst als Märtyrer . . . 
Ja, ein Märtyrer müßte er werden . . . 

ROBERT FRANK 

Müßte er werden? Warum? 

JULIA CAMERON 

Ja, denn in seinem Martyrium würde er sich als 
Held erweisen — da würde sich das Große in ihm voll 
offenbaren. 

ROBERT FRANK 

Es scheint, Sie sind sehr von ihm eingenommen, 
Miß Cameron. 

JULIA CAMERON 

Er hat etwas Einnehmendes, — das will ich nicht 
leugnen. 

ROBERT FRANK 
Dann ist es ihm wohl auch gelungen, Sie zum 
Syndikalismus zu bekehren? Und vielleicht fiel ihm 
dies nicht einmal schwer, bei den Anschauungen, 
denen Sie schon früher huldigten . . . 

JULIA CAMERON 

Ich weiß nicht, ob die Syndikalisten mich als eine 
der Ihrigen anerkennen würden. Aber ich gebe zu: 
vieles, was ich von ihnen sah und hörte rings im Lande, 
hat mich für sie eingenommen. 



ROBERT FRANK 

Sie haben eine Rundreise gemacht? 

JULIA CAMERON 
Herr Levinski gab mir den Rat . . . 

ROBERT FRANK 
Wieder Herr Levinski . . . 

JULIA CAMERON 

Ich habe die Industriestädte besucht und nahm an 
den Versammlungen der Arbeiter teil; ich bin in ihre 
Häuser gegangen und habe mit ihnen und ihren Frauen 
gesprochen. Es geht ihnen allen miserabel, denn die 
Beiträge aus den Streikkassen fließen spärlich, und 
obendrein herrscht Teuerung. Trotzdem nirgends 
Ungeduld, nirgends der Gedanke an ein Nachgeben. 
Im Gegenteil. Eine Disziplin, eine Einigkeit, an der 
wir andern uns ein Beispiel nehmen könnten. 

ROBERT FRANK 

Ich weiß wohl : gibt das Zehnerkomitee eine Order, 
so pariert alles wie die Soldaten in Reih und Glied. 

JULIA CAMERON 
Ist das nicht bewundernswert? 

ROBERT FRANK 

Ach, das ist weiter nicht merkwürdig. Vergessen 
Sie nicht, der Gehorsam liegt den unteren Klassen im 
Blute. Sich zu ducken sind sie von Kindheit an ge- 
wohnt. Das bringt die ökonomische Abhängigkeit mit 
sich. Früher waren es die Repräsentanten der oberen 

- 89 - 



Klasse, denen sie gehorchten, und jetzt lassen sie sich 
kommandieren von einem syndikalistischen Komitee. 

JULIA CAMERON 

Ja, da ist doch aber ein gewaltiger Unterschied. Ihr 
Gehorsam ist nicht blind mehr, - — ordnen sie jetzt 
sich unter, so verfolgen sie damit einen Zweck — sie 
wissen, es muß sein, wenn sie sich zu Freiheit und 
Gleichheit durchringen wollen. 

ROBERT FRANK 

Zu Gleichheit, ja, aber nicht zu Freiheit. 

JULIA CAMERON 

Ich glaube, Sie tun den Arbeitern unrecht. Bis wir 
nicht mit ihnen gesprochen haben, ahnen wir nicht, 
wir andern, welch ein Fond von Idealismus in dieser 
ganzen Bewegung steckt. 

ROBERT FRANK 

Mir kommt die Bewegung eher materialistisch vor, — 
denn worauf ist das Dichten und Trachten dieser 
Leute gerichtet? Doch nur auf eine Ordnung der 
Dinge, wo es möglichst hohen Lohn und möglichst 
wenig Arbeit gibt. Dazu billiges Wohnen, freie ärzt- 
liche Behandlung, Altersversorgung und wie sonst 
die Annehmlichkeiten heißen mögen, die eine genüg- 
same Phantasie sich ausmalen kann. So sieht ihr Land 
der Verheißung aus. 

JULIA CAMERON 

Kann man ihnen denn solche Wünsche übelnehmen, 
da doch ihre Lage so unsicher und sorgenvoll ist . . . 

~ 90 - 



ROBERT FRANK 

Ich nehme sie ihnen ja auch nicht übel. Im Gegen- 
teil, ich finde, sie sind nicht anspruchsvoll genug. 

JULIA CAMERON 

Die höheren Ziele werden mit der Zeit kommen. 
Ihre nächste Sorge aber muß doch sein : es ein bißchen 
besser zu haben. 

ROBERT FRANK 

Natürlich. Aber dann wollen wir die Sache auch 
als etwas ganz Selbstverständliches nehmen und ihr 
keine größere Bedeutung beimessen, als sie tatsächlich 
hat. Es wird so viel Wesens gemacht von dem Arbeiter- 
programm, als ob es unserer ganzen Gesellschaft ein 
neues Evangelium geschenkt habe. 

JULIA CAMERON 

Ja^ es ist doch auch eine Art Evangelium — eine 
Botschaft des Heils. 

ROBERT FRANK 
Das Heil kann aber doch nicht von denen kommen, 
die selber hilfsbedürftig sind. Es ist ein Wahnwitz, 
zu glauben, daß von den Proletariern die Wiedergeburt 
der Gesellschaft kommen kann. 

JULIA CAMERON 

Nein, nicht von den Proletariern, so wie sie sind, 
wohl aber von dem Geiste, der den Proletariern hellere 
Tage bringen wird. Die Wiedergeburt der Gesellschaft 
soll kommen aus dem Mitleid, aus der Opferwilligkeit, 
aus dem Bedürfnis, andern Gutes zu tun . . . 

~ 91 ~ 



ROBERT FRANK 

Andern Gutes zu tun • — wissen Sie, wen ich für 
die wahren Wohltäter halte ? Die großen Egoisten, sie, 
deren einziges Ziel die eigene Lebensaufgabe ist. Jeder 
einzelne von ihnen hat für den Fortschritt der Mensch- 
heit mehr getan, ak die Krankenpfleger aller Jahr- 
hunderte zusammengenommen. 

PRÄTORIUS 

Miß Cameron, ich habe zwar gewisse Bedenken, aber 
im wesentlichen muß ich doch meinem Freunde Frank 
recht geben. Freilich kann ich auch Ihren entgegen- 
gesetzten Standpunkt verstehen und würdigen. 

ROBERT FRANK 
Du bist, wie immer, für den goldenen Mittelweg. 

WINKELMANN 

kommt hereingestürzt, 
Levinski und seine Leute sind im Vorzimmer — das 
ganze Zehnerkomitee ist da!.... Sie wollen dich 
sprechen ! . . . Was soll ich tun ? 

ROBERT FRANK 

Hasenfuß! Laß sie herein. Sie fressen uns nicht. 

Winkelmann ab; Frank und Prätorius stehen auf, 
LEVINSKI und DAS ZEHNERKOMITEE treten ein, Sie stellen 
sich links auf, Levinski steht vorn, 

LEVINSKI 

Robert Frank, es gibt Augenblicke, wo wir die Emp- 
findung haben, als klopfe die Geschichte an unsere 
Tür. Einen solchen Moment ihrer Einkehr erleben 

- 92 - 



wir jetzt. Und nicht uns nur ist die Bedeutung der 
Situation aufgegangen, — die Augen der ganzen Welt 
sind auf dieses Land gerichtet. Ob Proletarier, ob 
Kapitalist, — alle harren in atemloser Spannung auf 
den Ausgang dieses Streiks, der an Umfang und Trag- 
weite nicht seinesgleichen hat. 

In dem Kampf dieser Tage scheinen die Chancen 
sehr ungleich verteilt. Wir haben nichts als unseren 
Glauben und unsere Begeisterung, — ihr seid die 
Geldmacht und die Militärmacht — ihr habt das Gold 
und ihr habt den Stahl. Und doch sind wir es, die 
siegen müssen. Denn was nützt euch das Gold, wenn 
die unentbehrliche Arbeitskraft sich nicht kaufen lassen 
will, — und was nützt euch der Stahl, wenn euch die 
Streikenden keinen Anlaß geben, ihn zu gebrauchen ? 

Wir bauen keine Barrikaden mehr, ■ — o, so naiv sind 
wir nicht. Wir haben ein wirksameres Mittel gefunden, 
um unseren Willen durchzusetzen: die ruhige Taktik 
der gekreuzten Arme. Die Folgen sehen wir schon: 
der Kapitalismus siecht an Blutleere und Ohnmacht 
dahin. Und über kurz oder lang wird er kommen und 
um einen Vergleich betteln • — das ist nur eine Frage 
der Zeit. Blind muß der Mann sein, der den nahen 
Triumph des Proletariats nicht sieht. 

Sie sehen ihn wohl auch, Robert Frank, aber Sie 
versuchen, die unvermeidliche Entscheidung aufzu- 
halten. Ein müßiges Unterfangen, über das ich kein 
Wort verlieren würde, wenn Sie nicht auf eine Art zu 
Werke gingen, die den allerschärfsten Protest heraus- 
fordern muß. 

Brauch ich Ihnen erst zu sagen, was ich meine ? Die 
Regierung hat viele Sünden auf dem Gewissen, aber 

- 93 - 



die häßlichste ist doch das Verbrechen, das man an 
unseren Kameraden von der Eisenbahn begangen hat. 
Diese Männer hatten die Arbeit niedergelegt, und zwar 
mit gutem Recht : nicht moralisch, nicht juristisch ließ 
sich etwas dagegen einwenden. Da nimmt die Regie- 
rung ihre Zuflucht zu einem schamlosen Kniff. Ein 
Mobilisierungsbefehl verwandelt die wehrpflichtigen 
Ausständigen in Soldaten, und unter dem Zwangs- 
mittel der militärischen Disziplin werden sie gegen 
ihren Willen und im Kampf mit ihrer Überzeugung 
zum Eisenbahndienst befohlen. 

Dieser Schritt mußte uns mit Abscheu und Zorn 
erfüllen. Wir selbst haben uns nicht um Fußes Breite 
vom Boden des Gesetzes entfernt; aber deshalb werden 
wir uns auch nicht gefallen lassen, daß unsere Gegner 
uns mit Rabulisterei bekämpfen ' — einer Rabulisterei, 
ebenso perfide in ihrer Anlage, wie brutal in ihrer Aus- 
führung. Und das Zehnerkomitee ist hier erschienen, 
um die Forderung zu stellen: daß die Regierung un- 
verzüglich die unverantwortliche Order widerruft und 
unseren mißhandelten Kameraden die Freiheit wieder- 
gibt. Lassen Sie sich warnen und trotzen Sie dieser 
Aufforderung nicht • — vergessen Sie nicht, daß wir 
im Namen der ganzen Arbeiterschaft sprechen. 

Wir erwarten Ihre Antwort, Robert Frank. 

ROBERT FRANK 

Sie rühmen sich, im Namen der ganzen Arbeiter- 
schaft zu sprechen, und da möchte ich darauf aufmerk- 
sam machen, daß nur vierzig Prozent der Arbeiter 
streiken, daß also das Zehnerkomitee bloß eine Minder- 
heit repräsentiert. 

~ 94 - 



LEVINSKI 

Aber diese Minderheit kämpft für die wahren Inter- 
essen der Arbeiter, und sie stellt eine Macht dar, 
mit der die Regierung zu rechnen hat. Wenn vierzig 
Prozent aller Arbeiter streiken, so genügt das, um das 
ganze Erwerbsleben des Landes mit dem Ruin zu be- 
drohen. 

ROBERT FRANK 

Das geb ich zu. Aber da ich für mein Teil nicht 
wünsche, daß das Erwerbsleben ruiniert wird, so wird 
man mir's nicht verdenken, wenn ich Gegenmaßregeln 
treffe. Im besondern habe ich dafür zu sorgen, daß 
die Eisenbahnen in Betrieb bleiben, und so fällt es 
mir nicht ein, die Order zu widerrufen, die Ihr Miß- 
vergnügen erregt hat. 

LEVINSKI 

Haben Sie auch bedacht, daß das Experiment ge- 
fährlich ist? An Ihrer Stelle würde ich Bedenken 
tragen, den Verkehr in die Hände abkommandierter 
Syndikalisten zu legen. Auf diese Weise dürfte die 
Eisenbahn bald ein unsicheres Beförderungsmittel 
werden. 

ROBERT FRANK 

Ich bin darauf gefaßt, daß im Anfang Fälle von 
Sabotage vorkommen werden und vielleicht Schlim- 
meres. Aber das sag ich Ihnen: an jedem Anstifter, 
der sich erwischen läßt, soll ein Exempel statuiert 
werden, das den andern die Lust zu weiteren Taten 
nimmt. 

- 95 - 



EIN SYNDIKALIST 
Sagen Sie's nur rund heraus — Sie wollen ihn ein- 
fach erschießen lassen. 

EIN ANDERER SYNDIKALIST 

Natürlich will er das. Und wenn es auch Arbeiter 
sind, die zu Hause Weib und Kind haben . . . 

ROBERT FRANK 

Ein Arbeiter mit Weib und Kind soll sich nicht erst 
auf solche Abenteuer einlassen. Tut er's trotzdem, so 
muß er die Folgen tragen. 

ERSTER SYNDIKALIST 

Und solche Leute wollen uns einreden, sie hätten 
ein Herz für uns Arbeiter! 

ROBERT FRANK 
Ich habe nie behauptet, ich hätte ein Herz für die 
Arbeiter. 

ERSTER SYNDIKALIST 

Donnerwetter, — das sagt er uns direkt ins Ge- 
sicht — ?! 

DER ANDERE SYNDIKALIST 

Nein, solche Unverfrorenheit . . . ! 

LEVINSKI 

Wir werden nicht verfehlen, dieses schamlose Ge- 
ständnis in den weitesten Kreisen bekannt zu machen. 
Sie haben den Arbeitern vorgespiegelt, sie sollen Teil- 
haber der Betriebe werden. Nun wird es allen klar 

- 96 - 



sein, was Ihr Gesetz wert ist. Sie haben die Maske des 
Arbeiterfreundes fallen lassen und räumen selber ein, 
das Gefühl spiele in Ihrer sozialen Politik keine Rolle. 

ROBERT FRANK 

Gefühl hin, Gefühl her — nur ein bissei gesunder 
Menschenverstand war nötig, um mir dies Gesetz zu 
diktieren. Hat man ein wenig Grütze im Kopf, so kann 
man sich selber sagen : der Industrie ist nicht mit Kon- 
flikten gedient — sie verlangt vielmehr ein Zusammen- 
wirken von Kapital und Arbeit. Und um dieses Zusam- 
menwirken zu sichern will ich die Arbeiter zu Mitinter- 
essenten machen und ihnen ihren Anteil am Gewinn 
verschaffen. Dabei werden beide Parteien gut fahren. 

ERSTER SYNDIKALIST 

I freilich, aber die Arbeitgeber am besten! 

ROBERT FRANK 

Zweifellos werden auch die Arbeitgeber ihren Nutzen 
davon haben. 

ERSTER SYNDIKALIST 

Prost die Mahlzeit, davon wollen wir nichts wissen. 

DER ANDERE SYNDIKALIST 

Nee, wirklich, — sie werden bloß noch mehr zu- 
sammenkarren, als sie schon haben. Denn das ist doch 
wohl der Zweck des Gesetzes. 

ROBERT FRANK 

Sein Zweck ist, im Lande Frieden für die Arbeit zu 
stiften. 

7 - 97 - 



ERSTER SYNDIKALIST 

Ja, aber wir wollen keinen Frieden. Kampf soll 
sein! ... Sie glauben, Sie können uns das Maul 
schmieren mit diesem Gerede vom „Anteil am Ge- 
winn". O nein, wir begnügen uns nicht mehr mit 
Brocken von des Reichen Tisch. Haben wir Arbeiter 
die Last zu schleppen, so wollen wir auch walten und 
schalten. 

ROBERT FRANK 

Zu walten und zu schalten, dafür sind die Arbeiter 
noch nicht reif. Niederreißen, das können sie, aber 
nicht wieder aufbauen. Die Reichen zu ruinieren, das 
würde ihnen schon gelingen. Aber deswegen würden 
die Armen doch nicht wohlhabend. Das Resultat wäre 
nur ein allgemeiner Bankrott. 

Murren unter den Syndikalisten, 

LEVINSKI 

Über das Resultat reden wir, wenn es vorliegt. 
Lange wird es nicht mehr auf sich warten lassen, denn 
ich sage Ihnen, bald wird die Zeit erfüllt sein. Das 
große Volk der Arbeiter verlangt seinen Platz an der 
Sonne; es will sich nicht mehr von einer privilegierten 
Minorität verdrängen lassen, will nicht leben und leiden 
nur für die Bereicherung der Ausbeuter. In der 
Tiefe der Volksseele hat sich ein Sprengstoff angehäuft, 
der stärker ist als Pulver und Dynamit, Ein unbe- 
zwinglicher Drang, sich wider die Ungerechtigkeit zu 
erheben, eine heilige Indignation^ die den Gesellschafts- 
bau der Ausbeuter in Schutt und Asche legen wird. 
Kein Minister wird das verhindern können, — weder 

- 98 - 



Sie, Robert Frank, noch irgend ein anderer Mietling 
des infamen Kapitals. 

ROBERT FRANK 

Ich werde den Verdacht nicht los: in den Augen 
gewisser Leute ist das Kapital gewöhnlich nur deshalb 
infam, weil sie selber keinen Teil daran haben. 

Zornesausbrüche unter den Syndikalisten, 

LEVINSKI 

Kameraden, nicht mit Unterbrechungen, sondern 
mit stummer Verachtung wollen wir die niedrige Be- 
schuldigung des Ministerpräsidenten beantworten. 
Wir wollen ruhig zuhören, wie er fortfährt uns zu 
verhöhnen. Das wird nur Wasser sein auf die Mühle 
unseres revolutionären Willens. 

ERSTER SYNDIKALIST 

Donnerwetter, mir ist es ganz schnuppe, ob es Wasser 
ist auf unsere Mühle, — ich lasse mir keine Grobheiten 
ins Gesicht sagen. 

ROBERT FRANK 

Ich spreche nur meine einfache Überzeugung aus. 
Paßt Ihnen das nicht, was ich sage, so vergessen Sie 
bitte nicht: nicht ich habe um diese Zusammen- 
kunft gebeten. Übrigens hat sie lange genug gedauert. 
Die Antwort, die Sie verlangen, habe ich schon ge- 
geben, und weiter haben wir uns nichts zu sagen. Einig 
werden wir ja doch nicht. 

LEVINSKI 

Nein, wir finden auch: zwischen Ihnen und uns ist 

7* ~ 99 - 



ein Abgrund, der sich nicht mehr überbrücken läßt . . . 
Wir gehen jetzt; aber Sie werden an meine Worte 
denken — es war nicht das letzte Mal, Robert Frank, 
— bei Philippi sehen wir uns wieder. 

Levinski und die übrigen Mitglieder des Zehnerkomitees entfernen sich» 

PRÄTORIUS 

Gott sei Dank, das wäre vorüber. Ich stand die ganze 
Zeit da und schwitzte Blut, was aus dem Wortgefecht 
noch werden sollte. Einen Augenblick hatte ich wirk- 
lich Angst, sie würden zu Handgreiflichkeiten über- 
gehen. Aber du warst auch ein bißchen offenherzig 
in deinen Aussprüchen. Eins hättest du dir wirklich 
schenken können, — die Sache mit dem Gefühl. War- 
um hast du das nur gesagt? 

ROBERT FRANK 

Was meinst du, Prätorius? Ich habe nicht zu- 
gehört . . . 

PRÄTORIUS 

Ich meinte, es war unvorsichtig von dir, zu sagen, du 
habest kein Herz für die Arbeiter. Das wird natürlich 
unter die Leute gebracht, und deine Gegner werden 
Kapital daraus schlagen. 

ROBERT FRANK 

Mit meinem Gesetz bin ich entschiedener für das 
Wohl der Arbeiter eingetreten als irgendeiner meiner 
Gegner. 

PRÄTORIUS 

Vielleicht, — aber was hilfts, wenn die Leute nicht 

— 100 — 



glauben, es kommt von Herzen. Das Volk verlangt 
ein pochendes Herz von seinen Führern. Es gehört 
sozusagen zur Ausstattung des modernen Politikers. 

ROBERT FRANK 
Hast du ein Herz für die Arbeiter, Prätorius? 

PRÄTORIUS 

Seit sie Stimmrecht erhielten, muß ich wohl ein 
Herz für sie haben. Für sie, wie für die andern Wähler, 
mit denen ich als Politiker zu rechnen habe . . , Und 
du solltest auch auf das Gefühl einigen Wert legen. 
Jedenfalls aber dürftest du es nicht einfach ignorieren . . . 
du hörst ja gar nicht zu — bist ja wie geistesabwesend. 
Was hast du — ? 

WINKELMANN stürzt herein. Durch die Tür, die er offen ließ^ 
dringt Lärm wie von lautem Wortwechsel in der Ferne, 

WINKELMANN 
Im Vestibül geht was vor! Da muß was mit den 
Syndikalisten los sein! Ich getraute mich nicht nach- 
zusehen, denn ein Getrampel und ein Gebrüll ist da, 
wie von einer Horde Wilder. 

PRÄTORIUS 

Allmächtiger Gott, was hat das zu bedeuten! Sie 
werden doch nicht alles kurz und klein schlagen. Du 
hast sie gereizt, Frank, — jetzt fehlte bloß noch, sie 
vergreifen sich an uns! 

ROBERT FRANK 

Damit hat es keine Gefahr . . . Jetzt ist der Lärm 
vorbei ... 

— loi — • 



PRÄTORIUS 

Ja, in der Tat ... sie sind ihrer Wege gegangen. 

ROBERT FRANK 

Nein, sie sind noch hier — doch hinter Schloß und 
Riegel. 

PRÄTORIUS 

Hinter Schloß und Riegel . . . ? 

DER WACHTHABENDE OFFIZIER 

tritt ein. 
Melde gehorsamst, daß Euer Exzellenz Orders aus- 
geführt sind. Wie mir befohlen, nahm ich mit meinem 
Peloton im Vestibül Aufstellung, während die Syndi- 
kalisten Audienz hatten. Als sie herauskamen, wurden 
sie ohne größere Schwierigkeiten übermannt. Sie 
leisteten zwar einigen Widerstand, aber verletzt wurde 
niemand. Auf Euer Exzellenz Anordnung sind sie 
jetzt in der Bibliothek eingeschlossen. 

ROBERT FRANK 

Und die Überführung ins Gefängnis? 

OFFIZIER 

Kann sogleich vor sich gehen. Die Wagen und die 
Eskorte sind schon unterwegs, wie eben telephoniert 
wurde. 

ROBERT FRANK 
Es ist gut. 

OFFIZIER 

Ich hätte noch gehorsamst zu vermelden, daß der 

— 102 — • 



Arrestant Levinski darauf besteht, vor Euer Exzellenz 
geführt zu werden. Er behauptet, die Sache sei von 
großer Wichtigkeit. 

ROBERT FRANK 

So? Na, dann mag er kommen. 

OFFIZIER 

Er müßte wohl von einigen meiner Leute eskortiert 
werden ? 

ROBERT FRANK 

Selbstverständlich. Aber ich will Ihre Leute nicht 
hier im Zimmer haben. Sagen Sie den Gendarmen, 
sie sollen im Vorzimmer bleiben, während ich mit ihm 
rede. 

OFFIZIER 

Zu Befehl, Exzellenz. Geht ab, 

PRÄTORIUS 
Hast du dir's auch überlegt? Wer weiß, was der 
desperate Mensch im Schilde führt! Vielleicht hat 
er einen Revolver bei sich. Laß doch wenigstens die 
Gendarmen mit herein. 

ROBERT FRANK 

Das würde sich nicht ziemen < — nicht für ihn, noch 
für mich — das müßte dein Gefühl dir sagen, 
Prätorius. 

PRÄTORIUS 

Ziemt sie sich denn überhaupt, diese ganze Epi- 
sode? Entschuldige meine Offenheit. Aber diese 

— 103 - 



plötzliche Verhaftung hat etwas vom Theater, und 
besonnene Politiker werden unwillkürlich daran An- 
stoß nehmen. Als langjähriger Parlamentarier habe 
ich mich gewöhnt, auf ordnungsgemäßes Verfahren 
Wert zu legen, und ich muß sagen, mein Sinn für Kor- 
rektheit ... 

ROBERT FRANK 

Spare deine Betrachtungen bis nachher. Ich höre 
sie kommen. 

Kurze Pause. 
LEVINSKI erscheint; sein Anzug ist in Unordnung. 

LEVINSKI 

Wie können Sie wagen, durch Ihre Soldaten Hand 
an uns zu legen! Als Jurist müßten Sie doch wissen, 
daß Sie damit etwas Kriminelles begehen! Das ist 
ungesetzliche Freiheitsberaubung ! 

ROBERT FRANK 

Freiheitsberaubung ja, — aber ungesetzlich ist sie 
nicht, denn vor einer Weile ist der Belagerungs- 
zustand proklamiert worden. 

LEVINSKI 

Belagerungszustand, • — auch das noch! Das wird 
ja immer schöner! . . . Jedenfalls aber liegt nicht der 
geringste Anlaß vor, uns hinter Schloß und Riegel zu 
setzen ! 

ROBERT FRANK 
Dazu habe ich den sehr triftigen Grund, daß Sie 
und Ihre Kollegen eine Tätigkeit entwickeln, die das 

— 104 -- 



Land ruiniert. Es ist meine Pflicht, diesem Unfug ein 
Ende zu machen. 

LEVINSKI 

Derlei Ausflüchte erkennen wir nicht an. Wir 
verlangen auf freien Fuß gesetzt zu werden, und zwar 
augenblicklich! Sonst stehen wir nicht für die Folgen 
ein. 

ROBERT FRANK 

Was für Folgen meinen Sie ? 

LEVINSKI 

Das Proletariat wird sich erheben in gerechtem 
Zorne. Versuchen Sie nicht, es zu provozieren. Neh- 
men Sie sich in acht, sag ich Ihnen, — bis heut ist 
der Kampf mit Mäßigung geführt worden. Fahren 
Sie aber mit Ihren Willkürlichkeiten fort, so gibt es 
Krieg bis aufs Messer! 

ROBERT FRANK 

Darauf bin ich vorbereitet. Mag er nur kommen — 
ich fürchte den Ausgang nicht. 

LEVINSKI 

blickt Robert Frank einen Moment an. 
Jetzt weiß ich, worauf Sie hinauswollen. Jetzt 
durchschau ich Ihren infernalischen Plan . . . Warum 
diese hinterlistige Verhaftung? Weil Sie die Arbeiter 
aufhetzen und bis zum Äußersten treiben wollen. 
Gegen Streikende, wenn sie friedlich sind, können Sie 
nichts ausrichten, — aber gelingt es Ihnen, blutige 
Konflikte hervorzurufen, so dürfen Sie hoffen, die 

- 105 - 



Bewegung mit bewaffneter Macht zu ersticken . . . 
Indessen — da könnten Sie sich verrechnet haben! 
Auch wir Syndikalisten haben Waffen, — ein ganzes 
Depot — nicht Gewehre oder Kanonen, sondern weit 
wirksamere Vernichtungsmittel. Sie sind nur bestimmt 
für die Stunde der Not, — aber dann wird man auch 
gehörig Gebrauch von ihnen machen, — dann werden 
alle Kräfte der Zerstörung frei! 

ROBERT FRANK 

Das ist ja eine interessante Enthüllung. Es scheint, 
das Zehnerkomitee ist nicht so unschuldig, wie es sich 
bisher den Anstrich gegeben hat . . . Nun, darüber 
werden Sie eventuell vor dem Kriegsgericht verhört 
werden. 

LEVINSKI 

mit erhobenem Arm. 
Und Sie, Robert Frank, werden einem andern 
Richter Rede stehen! Es wird Gericht gehalten 
werden über Sie und über die ganze bürgerliche Ge- 
sellschaft! Blutiges, flammendes Gericht — des Ka- 
pitalismus Sonnenuntergang, des Proletariates Morgen- 
röte! Zwischen brennenden Palästen und über die 
Leichen der Machthaber wird das Heer der Arbeiter 
einziehen in das Reich der Gerechtigkeit! 

Ab, Kurze Pause, 

ROBERT FRANK 

Ich sehe, Sie machen sich Notizen, Miß Cameron. 
Aber Sie sitzen unbequem. Wollen Sie nicht lieber 
dort am Schreibtisch Platz nehmen ? 

— lo6 -— 



JULIA CAMERON 

Sie sind zu liebenswürdig . . . 

Sie geht an den Schreibtisch und setzt sich, 

ROBERT FRANK 

ZU Winkelmann, 

Was stehst du noch da? Warum gehst du nicht 
auf dein Zimmer? 

WINKELMANN 

Ich graule mich allein in meiner Stube . . . Ent- 
schuldige, ich muß mich setzen. Der Schrecken ist 
mir in alle Glieder gefahren ... 

Er sinkt auf einem Stuhl zusammen. 

PRÄTORIUS 

Das ist auch kein Wunder. Die Haare stehen einem 
zu Berge, wenn man diese Drohungen hört . . . Glaubst 
du, es ist etwas daran ? Ob sie wirklich diese unheim- 
lichen Vorbereitungen getroffen haben . . . ? 

ROBERT FRANK 

In diesem Fall wäre die Sache für sie vielleicht 
schlimmer als für uns. 

PRÄTORIUS 

Ja, du willst sie ja vor ein Kriegsgericht stellen. 
Nun, und — ? Ich meine : wenn sie schuldig befunden 
werden . . . ? 

ROBERT FRANK 

Wie in solchem Fall das Urteil lauten wird, brauche 
ich dir wohl nicht zu sagen. 

— 107 — 



PRÄTORIUS 

Aber die anderen werden Vergeltung üben. Sie 
werden sich furchtbar rächen! Nimm doch Vernunft 
an — du darfst uns diesen Greueln nicht aussetzen! 
. . . Du bist überarbeitet, Frank, — ich kann es mir 
nicht anders erklären. Deine Nerven versagen — es 
wäre nicht das erstemal ... 

ROBERT FRANK 

Nun ja, du hast mich nervös gesehen, aber doch 
nur nach Parlamentsitzungen. Wenn man vier, fünf 
Stunden in einem fort mit anhören muß, wie die Red- 
seligkeit Stroh drischt, so kann man schon aus der 
Haut fahren . . . Aber heute fühle ich keine Spur von 
Nervosität. 

PRÄTORIUS 

Trotzdem kann ich den Gedanken nicht los werden : 
was du da unternimmst, ist ein Sprung ins Dunkle. 

ROBERT FRANK 

Was soll ich denn tun ? Hast du mir nicht vorhin 
selbst versichert, dieser Zustand sei unhaltbar. Noch 
acht Tage so weiter, und wir ständen vor dem Krach 
— ich zitiere deine eigenen Worte. 

PRÄTORIUS 

Jawohl, aber mein Gedanke war: man sollte den 
Knoten zu lösen suchen, doch nicht ihn durchhauen. 

ROBERT FRANK 

Man muß ihn durchhauen, — es gibt kein anderes 
Mittel. 

— io8 - 



PRÄTORIUS 

Ja, aber könntest du das nicht auf etwas gelindere 
Art tun? Du forderst die Kritik aller rechtlich den- 
kenden Menschen heraus ... 

ROBERT FRANK 

Meinst du, ich weiß das nicht ? Meinst du, ich kenne 
sie nicht, diese kleinmütigen und verlogenen Seelen? 
Aus meiner Tat Nutzen zu ziehen, das wäre ihnen 
schon recht, < — trotzdem werden sie mißbilligend den 
Kopf schütteln. Denn so schlagen sie zwei Fliegen mit 
einer Klappe : sie haben ihren fetten Profit und haben 
ihr gutes Gewissen . . . Nein, ich mache mir keine 
Illusionen. Selbst wenn ich den Sieg davontrage, 
haftet doch ein Flecken an meinem Namen, in den 
Augen dieser Biedermänner. Aber darüber setz ich 
mich hinweg, — ich pfeife auf mein Renommee. 

PRÄTORIUS 

Eine solche Gleichgültigkeit gegen die öffentliche 
Meinung ist, gelinde gesagt, unklug. 

ROBERT FRANK 

Unklug mag sie sein, vom Alltagsstandpunkt. Aber 
es gibt eine Art Klugheit, Prätorius, die höher steht 
als landläufige Vernunft. Sie sucht nicht das bißchen 
äußere Wohlergehen, das man sich durch einen Pakt 
mit der Gesellschaft und seiner Umgebung sichert. 

PRÄTORIUS 

Was sucht sie denn, diese merkwürdige Art Klug- 
heit? 

— 109 — • 



ROBERT FRANK 

Sie sucht jenen himmlischen Seelenfrieden, den wir 
fühlen, wenn wir in vollkommener Harmonie mit der 
Stimme unseres Inneren handeln. Dieser höhere 
Selbsterhaltungstrieb ist die wahre Klugheit — auch 
wenn unser äußeres Schicksal Schande und Verderben 
ist. 

PRÄTORIUS 

Ich habe verdammt wenig Zutrauen zu dieser Art 
Klugheit. Da ziehe ich mir die gangbarere Sorte vor. 

ROBERT FRANK 
Hast du denn nicht einmal wenigstens in deinem 
Leben diesen gebieterischen Ruf vernommen ? < — Eine 
Stimme, die zugleich in dir ist und über dir . . . 

PRÄTORIUS 

In mir und über mir? Nein, weiß Gott, das hab 
ich nicht . . . Und du sagst, du seist nicht nervös . . . 

ROBERT FRANK 

Ich hätte ^s vorher wissen können — du verstehst 
mich nicht. 

JULIA CAMERON 

die eine Weile dem Gespräch gelauscht hat^ springt auf und eilt 
auf Robert Frank zu. 

Aber ich verstehe Sie! Jetzt erst verstehe ich Sie 
ganz! Wie könnt' ich auch nur einen Augenblick 
zweifeln! . . . Jetzt fühle ich: was Sie wollen, das ist 
das Richtige! Und sollte auch die ganze Welt gegen 
Sie sein, Sie haben tausendmal recht! . . . Ich dürfte 

-- IIO — 



mich hier eigentlich nicht hineinmischen. Aber ich 
kann nicht schweigen, — ich muß es Ihnen sagen. 

ROBERT FRANK 

Und ich danke Ihnen, daß Sie es gesagt haben. 

PRÄTORIUS 

Ich bin wie aus den Wolken gefallen, Miß Cameron. 
Vor kaum einer halben Stunde haben Sie mit Eifer 
die Sache der Arbeiter verfochten. Und jetzt nehmen 
Sie mit noch größerem Eifer für Frank Partei. Das 
kann ich mir beim besten Willen nicht zusammen- 
reimen. 

JULIA CAMERON 

Wer verlangt denn das von Ihnen? Wenn ich es 
nur kann. 

PRÄTORIUS 

Nun ja, die weibliche Logik ist unberechenbar. 
Aber die weibliche Güte, Miß Cameron, — müßte die 
Ihnen nicht verbieten, Frank in diesem unseligen 
Unternehmen zu bestärken? Bedenken Sie doch, 
wer wird es büßen müssen — nicht die Schuldigen allein, 
sondern auch Frauen und Kinder . . . 

JULIA CAMERON 

Sie appellieren an meine Güte — sind Sie denn so 
sicher, daß ich gut bin? 

PRÄTORIUS 

Sie haben vorhin Ihr Mitleid mit den Schwachen 
geäußert. Und das gehört sich auch für eine Frau. 

— III — 



JULIA CAMERON 

Mitleid mit den Schwachen — schließt das denn die 
Bewunderung für den Starken aus? Nein, das eine 
Gefühl ist ebenso weiblich wie das andere ... Sie 
reden immer von „der Frau", Herr Prätorius, als ob 
Sie uns in- und auswendig kennten, und doch ist Ihnen 
die Frauenseele sicherlich ein Buch mit sieben Siegeln. 

PRÄTORIUS 

So so. Und woraus schließen Sie das, wenn ich 
fragen darf? 

JULIA CAMERON 

Ich kann mir nicht vorstellen, daß eine Frau Ihnen 
je ihr Vertrauen geschenkt hat. 

PRÄTORIUS 

So, jetzt ist es wohl besser, ich gehe. Die Atmo- 
sphäre hier ist mit einer Elektrizität geladen, der ich 
mich lieber nicht aussetzen möchte . . . Adieu, Frank, 
— und mögest du den Schritt nicht bereuen, den du 
jetzt getan hast . . . Ich empfehle mich. Miß Cameron! 

Ab, 
ROBERT FRANK 

»« Winkelmann» 
Ich denke, du wirst dich jetzt von deinem Schrek- 
ken erholt haben. Es wird Zeit, daß du auf dein 
Zimmer gehst ... 

Winkelmann steht mit Widerstreben auf und geht ab, 

JULIA CAMERON 
Ich will nun auch fort ... 

— 112 — 



ROBERT FRANK 

Schon ? 

JULIA CAMERON 

Wir haben Sie schon zu lange aufgehalten . . . Mein 
Telegramm . . . 

ROBERT FRANK 

Es liegt dort, nicht wahr ? Ich will es sofort expe- 
dieren lassen . . . Aber etwas muß ich Ihnen noch 
sagen, ehe wir scheiden. Der Schein war gegen mich 
bei den Ereignissen dieser Stunde, — doch Sie sahen 
tiefer, und Sie stellten sich auf meine Seite. Ahnen Sie, 
was dies gerade jetzt für mich bedeutet? Mehr, als 
ich Ihnen je werde danken können. 

JULIA CAMERON 

Was haben Sie nur von mir gedacht, daß ich so 
ohne weiteres . . . ? 

ROBERT FRANK 

Was ich von Ihnen gedacht habe? Dasselbe, was 
ich dachte, als wir uns das erstemal sahen. Erinnern 
Sie sich an jenen Nachmittag im Parlament? 

JULIA CAMERON 

Ob ich mich erinnere — ! 

ROBERT FRANK 

Ich wußte nicht einmal, wie Sie hießen, und doch 
hatte ich die Empfindung, als hätten Sie mir immer 
nahegestanden. 

^ — 113 — 



JULIA CAMERON 

Dieselbe Empfindung hatte ich. Und ich malte 
mir aus, daß wir uns begegnen würden und daß ich 
eines Tages Ihr Freund sein dürfte. Doch als ich Ihnen 
auf dem Ball vorgestellt wurde, da war mein ganzes 
Selbstvertrauen dahin. Wie zaghaft war ich da, und 
wie klopfte mir das Herz. 

ROBERT FRANK 

Wenn es nun wirklich Ihr Wunsch war, wir möchten 
Freunde werden, warum haben Sie dann erst heute ein 
Lebenszeichen von sich gegeben? Hat Sie etwa unser 
Gespräch an jenem Abend abgeschreckt? Tat ich 
Äußerungen, die unabsichtlich Sie verletzten? 

JULIA CAMERON 

Nein, es war etwas anderes, was mich abhielt. 

ROBERT FRANK 

Nun, und was hielt Sie ab? 

JULIA CAMERON 

Das kann ich nicht sagen. 

ROBERT FRANK 

Gut — aber als Sie kamen, da hatte ich jedenfalls 
den Eindruck, Sie hätten sich von mir abgewandt, — 
ich meine, Sie hätten Partei ergriffen für die anderen . . . 

JULIA CAMERON 

Weil ich die Arbeiter in Schutz nahm? Das tu 
ich auch jetzt noch. Die Arbeiter haben recht auf 
ihre Weise. Aber Sie haben recht in einem höheren 

- 114 - 



Sinne. Das wurde mir plötzlich klar, als Sie zu Herrn 
Prätorius von der inneren Stimme sprachen. Und da 
begriff ich auch, was diese Stimme forderte, — daß 
diese Stimme Sie an Ihren alten Traum gemahnte . . . 

ROBERT FRANK 
Alten Traum ? . . . 

JULIA CAMERON 
Nun, wissen Sie denn nicht mehr . . . ? Die Elite 
sollte ein Bündnis schließen, zur Veredelung der 
Menschheit . . . 

ROBERT FRANK 

Ja, und ich erklärte Ihnen auch, warum die Elite 
kein Bündnis schließen kann. 

JULIA CAMERON 

Ja — aber wenn ein solches Bündnis nicht möglich 
ist, dann fällt dem einzelnen diese Aufgabe zu. Und Sie 
haben den Mut gehabt, die Last auf sich zu nehmen 
. . . Die Welt mag glauben, Sie sind nur der kalte prak- 
tische Staatsmann; aber ich weiß es besser. Ich weiß, 
Sie sind ein Idealist . . . Und ich bewundere Sie des- 
halb, — bewundere Sie grenzenlos! 

ROBERT FRANK 

Ich fürchte nur, Ihre Bewunderung würde sich ab- 
kühlen, könnten Sie einen Blick werfen in gewisse ver- 
borgene Winkel meiner Seele. Aber ein wenig Wahr- 
heit ist vielleicht in dem, was Sie sagen. Idealist, das 
bin ich wohl -— in gewissem Sinne. 

8* - 115 - 



JULIA CAMERON 

Wenn Sie es nicht sind, wer ist es dann? Setzen 
Sie nicht alles aufs Spiel für die Durchführung einer 
Idee ? Sie haben eine Vision gehabt, die Ihnen keine 
Ruhe mehr gelassen hat. Sie haben im Geist eine 
Gesellschaftsform erblickt, wo die Menschen unter 
würdigeren Daseinsbedingungen wirken können. Und 
nun wollen Sie mit allen Mitteln sie durchsetzen — 
ohne Rücksicht auf die anderen, ohne Rücksicht auf 
sich selbst . . . 

ROBERT FRANK 

Seltsam, wie Sie mir das jetzt sagen — 

JULIA CAMERON 

Seltsam — ? 

ROBERT FRANK 

Es ist immer seltsam, wenn die Hirngespinste 
unserer Sehnsucht zur Wirklichkeit werden. Denn 
just so, wünschte ich, sollten Sie zu mir sprechen 
— dies war mein Gedanke, noch ehe wir ein Wort 
gewechselt hatten. Ein Wiederfinden war es ja — 
Sie wissen doch — 

JULIA CAMERON 
O ich weiß, ich weiß — 

ROBERT FRANK 

Und ist es nicht wunderbar — instinktiv verband 
ich Ihre Gestalt mit einem Namen, der eine Art Vor- 
bedeutung war für das, was Sie mir werden sollten. 
Nachher hörte ich, Sie hießen Julia. Aber der Name, 

- Ii6 ^ 



den mein Ahnen mir zugeflüstert hatte, lautete anders, 
und jetzt weiß ich, daß er der rechte war ... 

JULIA CAMERON 

Und wie ist denn mein rechter Name? 

ROBERT FRANK 

Für mich heißen Sie Stella . . . ein Stern, — meiner 
Zukunft Stern ... er geht mir über einem Kampf auf, 
der entscheidend für mein Schicksal sein wird, — nen- 
nen Sie es Aberglauben, wenn Sie wollen, aber ich sehe 
hierin einen geheimnisvollen Zusammenhang . . . 

JULIA CAMERON 

Ein Stern ist ein Wegweiser, — zu einem Sterne 
blickt man auf — Nein, der Name paßt nicht für mich 
. . . und doch will ich Stella heißen . . . 

ROBERT FRANK 

Verstehe ich Sie recht? Sie wollen diesen Namen 
tragen ? 

JULIA CAMERON 

Ja, ich will ihn tragen, fortan. 

ROBERT FRANK 

Er gefällt Ihnen also? 

JULIA CAMERON 

Ich sagte doch, er passe vielleicht nicht für mich. 
Aber ich will ihn tragen, aus einem ganz besonderen 
Grunde. 

— 117 — 



ROBERT FRANK 

Und dieser Grund . . . ? 

JULIA CAMERON 
Ich wünschte, Sie errieten ihn. 

ROBERT FRANK 

Wenn ich nun falsch riete. Das möchte ich nicht 
riskieren ... 

WINKELMANN 

kommt herein. 
Der wachthabende Offizier ist draußen, 

ROBERT FRANK 
Er soll einen Augenblick warten. 

WINKELMANN 
Er sagt, er habe eine wichtige Meldung zu erstatten. 
Es ist gewiß wegen der Syndikalisten . . . 

ROBERT FRANK 
Er soll warten, hörst Du. 

Winkelmann ab. 

JULIA CAMERON 

Nein, — jetzt kann ich aber nicht länger bleiben. 
Adieu. 

ROBERT FRANK 

Nur ein Wort noch. Ich muß wissen, warum Sie 
sich Stella nennen wollen ... 

~- Ii8 - 



JULIA CAMERON 

Ich kann es Ihnen nicht sagen. Es ist unmöglich. 

ROBERT FRANK 

Jetzt nicht, aber das nächste Mal, — wollen Sie 
mir das versprechen ? Denn wir sehen uns doch wieder . . 

JULIA CAMERON 

Ja, • — ich weiß nicht ■ — 

ROBERT FRANK 

Sie wissen nicht? Wir sollten uns nicht wieder- 
sehen? O doch! 

JULIA CAMERON 

Vielleicht . . . Aber jetzt muß ich gehen. Adieu. 

ROBERT FRANK 

Nein, nicht adieu, — auf Wiedersehen! 



DRITTER AKT 

Arbeitszimmer in der Amtswohnung des Ministerpräsidenten, Längs 
den Wänden^ die mit Tapeten aus Goldleder bekleidet sind, stehen 
Bücherregale in Manneshöhe. Im Hintergrund eine Flügeltür, Links 
ein Fenster und davor ein mächtiger Schreibtisch aus Eichenholz, 
Ganz im Vordergrund an derselben Seite ein Schrank. Rechts ein 

Sofa mit Tisch und Stühlen. 
WINKELMANN sitzt am Schreibtisch, mit Dokumenten beschäf- 
tigt, die er in Paketen ordnet. 
BLIX steckt den Kopf durch die Tür, 

WINKELMANN 

fährt auf. 
Wer ist da ? Was wollen Sie hier ? . . . Ach Sie sind's 
nur . . . 

BLIX 

nähert sich. 
Ich habe Ihnen wohl einen ordentlichen Schrecken 
eingejagt, Winkelmann. 

WINKELMANN 

setzt sich wieder. 
Ja, ich fahre bei dem geringsten Geräusch zusammen. 

BLIX 

rückt einen Stuhl an den Schreibtisch und setzt sich. 
Daß Sie nervös sind, ist kein Wunder. Nach all den 
Greueln, die passiert sind, mußte der Mensch ja auch 
nervös werden. Und erst Sie, der so manches in 
nächster Nähe gesehen haben mag . . . 

WINKELMANN 
Besonders viel gesehen hab ich eigentlich nicht, 

— 120 — 



denn, um die Wahrheit zu sagen, ich habe mich 
meistens im Keller aufgehalten. 

BLIX 

Im Keller? Den Ort hätt' ich mir nun gar nicht 
ausgesucht. Gesetzt den Fall, das Haus wäre in die 
Luft geflogen, dann hätten Sie unter den Ruinen 
gelegen. Lebendig begraben — pfui Teufel! 

WINKELMANN 
Dran gedacht hab ich schon, aber was sollt ich 
tun. Ich ertrug es einfach nicht, diese Schrecknisse 
mit anzusehen und anzuhören. Dies Getöse und diese 
Stöße wie bei einem Erdbeben, und bei Nacht der 
Widerschein brennender Gebäude . . . 

BLIX 

Ja, und der Jammer der Verwundeten unten auf 
der Straße, und der Anblick der Leichentransporte 
— drei Tage und drei Nächte lang, in meinem 
Leben vergess ich das nicht. Aber nun, da es vorüber 
ist, möchte ich das interessante Erlebnis doch nicht 
missen. 

WINKELMANN 
Interessant nennen Sie das? Ihr Blatt blieb wohl 
auch nicht verschont? 

BLIX 

Nein, unser Blatt war ja in Acht und Bann getan, 
weil wir Streikbrecher beschäftigten, und so kriegten 
wir eines Tages auch unsere Bombe. Unsere Lokale 

— 121 — 



wurden arg ramponiert, auch mein Arbeitszimmer, 
wo ich gerade saß. 

WINKELMANN 

Aber Sie kamen mit heiler Haut davon? 

BLIX 

Wie durch ein Wunder. Glücklicherweise tötete 
die Explosion nur eine alte Dame, die gerade bei mir 
war und sich mit mir unterhielt . . . Hat man so etwas 
erlebt, dann möchte man wieder an eine höhere 
Fügung glauben, 

WINKELMANN 
Ich finde, die höhere Fügung hätte uns diese Gräß- 
lichkeiten lieber ersparen sollen. Es war wie ein Alp- 
drücken — ich kann's immer noch nicht fassen. 

BLIX 

Ja, es lag ein Schein von Unwirklichkeit über diesem 
ganzen Hexensabbat, - — das ist wahr. Daß unsere gute 
Stadt das Schlachtfeld rasender Horden werden sollte 
■ — diese Massenzerstörung von Kirchen und Theatern 
und Museen und Warenhäusern — ich hatte das Ge- 
fühl, als wären wir Hunderte von Jahren in der Zeit 
zurück. 

WINKELMANN 
Ja, es erinnerte an die Goten und Vandalen im 
alten Rom. 

BLIX 
Diese hier waren schlimmer als Goten und Vandalen ; 
wie reißende Tiere waren sie. Das sah man am besten 

— 122 — 



in den Vorstädten. Ich könnte Ihnen Geschichten er- 
zählen, — die Haare würden Ihnen zu Berge stehen . . . 

WINKELMANN 

Haben Sie sich denn in die Vorstädte getraut ? 

BLIX 

Nein, das war ja lebensgefährlich; aber ich habe 
einen Reporter hingeschickt, einen fixen jungen Mann. 
' — Sie sollten ihn nur erzählen hören von den Metze- 
leien des Pöbels. Die Leichen lagen zu Haufen, und 
wie waren sie zugerichtet ! Denn die Bestien begnügten 
sich nicht mit Mord und Totschlag, — sie marterten 
und verstümmelten auch noch ihre Opfer — die 
Weibsleute waren die schlimmsten . . . 

WINKELMANN 

I ja, die Weibsleute . . , 

BLIX 

Als der Reporter hinkam, war der Kampf noch im 
Gange. Das Pack war mit Handgranaten versehen, 
und die schleuderten sie blindlings auf die Truppen. 
Man stelle sich vor — - auch Handgranaten hatten sie ! 

WINKELMANN 

Ja, die Syndikalisten hatten ein ganzes Arsenal von 
Mordwerkzeugen. Levinski brustete sich schon vorher 
damit. 

BLIX 

Aber das Strafgericht war auch danach. Mein Repor- 
ter sah gerade, wie ein Peloton ein Dutzend Gefangene 

- 123 - 



exekutierte, die an einer Hauswand aufgestellt waren. 
Auf Kommando gaben die Soldaten Feuer, und im 
Handumdrehen war das ganze Dutzend ins Jenseits 
spediert. Und dieses Schauspiel wiederholte sich 
mehrfach . . . Was mag die Geschichte an Menschen- 
leben gekostet haben, auf beiden Seiten — das geht 
wohl in die Tausende . . . 

WINKELMANN 
Levinski hat richtig prophezeit mit seiner Drohung, 
es werde Krieg bis aufs Messer geben. Das sagte er 
am Tage seiner Verhaftung. 

BLIX 

Levinski, jawohl . . . und just er, der Rädelsführer, 
sollte straflos ausgehen, während das Urteil an allen 
seinen Kollegen vollstreckt wurde . . . Was mag das mit 
seiner Begnadigung wohl für eine Bewandtnis haben ? 
— Das möcht ich gern wissen. Hat Frank es Ihnen 
vielleicht anvertraut? 

WINKELMANN 
Nein, Frank hat mir gar nichts anvertraut — da 
müssen Sie ihn schon selber fragen. Übrigens werden 
Sie ihn jetzt nicht sprechen können — er ist aufs Land 
und kommt nicht vor Abend zurück. 

BLIX 

Das weiß ich, und deshalb bin ich hergekommen. 
Sie wollte ich sprechen. Frank möchte ich lieber 
nicht sehen, — ich bin doch genötigt, ihn herunterzu- 
machen . . . Man bleibt ihm wohl überhaupt jetzt 
lieber zehn Schritt vom Leibe? 

— 124 — 



WINKELMANN 
Er ist, wie er immer gewesen. Ich sehe keine Ver- 
änderung an ihm. 

BLIX 

Das ist aber merkwürdig. Man sollte meinen, der 
plötzliche Wandel der Dinge habe ihn ganz aus der 
Fassung gebracht. So schwindelnd tief zu fallen! 
Kaum, nachdem er den Höhepunkt seiner Karriere 
erreicht hatte! 

WINKELMANN 

Ja, das kann man wohl sagen. 

BLIX 

Es kommt mir wie ein Traum vor; noch vor wenig 
Tagen lagen wir vor ihm auf dem Bauch, einer wie 
der andere. Und die Ehrentitel, die wir für ihn 
hatten, — „Überwinder des Syndikalismus" und „Brin- 
ger des Arbeitsfriedens" — „Retter der Gesellschaft"! 
Wirklich, er war Diktator! 

WINKELMANN 

Diktator wie Sulla ... 

BLIX 

Und jetzt ist er gestürzt, und es hagelt nur so von 
Anklagen, und es ist ein Kesseltreiben gegen ihn, von 
allen Parteien und allen Blättern, — ja, mein Blatt 
nicht ausgeschlossen, obgleich ich nicht gerade mit 
dem Herzen bei der Sache bin. Aber schließlich ist es 
seine eigene Schuld. 

- 1^5 - 



WINKELMANN 
Ja, die Hybris hat ihn ins Unglück gestürzt. 

BLIX 
Wer, sagen Sie, hat ihn ins Unglück gestürzt ? Ein 
Frauenzimmer war dabei? 

WINKELMANN 
Nein — „Hybris" sagte ich — das ist ein griechisches 
Wort, das so viel wie Übermut bedeutet. 

BLIX 

Ach, richtig ja. Man merkt, Sie sind ein alter Philo- 
loge ... Ja, Übermut war's, wie er jetzt das Parlament 
wieder zusammenberief und es zwingen wollte, sein 
unseliges Gewinnbeteiligungsgesetz anzunehmen. Wir 
dachten, er habe sein Steckenpferd nunmehr in die 
Ecke gestellt . . . Die Arbeiter zu Teilhabern der 
Industrie machen zu wollen — nach allem, was ge- 
schehen ist, das war wirklich eine starke Herausforde- 
rung an die bürgerlichen Parteien. 

WINKELMANN 

Und doch hieß es einen Augenblick, er werde seinen 
Willen durchsetzen. 

BLIX 

Ja, die Majorität war wirklich drauf und dran, nach- 
zugeben. Sie knirschten mit den Zähnen vor Wut, 
doch der Schrecken saß ihnen noch in den Gliedern. 
Frank hatte Chancen, — aber da stieß er auf eine 
jener kleinen Ursachen, die oft große Wirkungen 

— 126 — 



haben . . . Waren Sie im Parlament, als die Entschei- 
dung fiel? 

WINKELMANN 
Nein, ich gehe niemals hin. 

BLIX 

Schade, daß Sie die Komödie nicht miterlebt haben . . . 
Als Frank seine große Rede geendet hatte, meldete Ul- 
veling sich zum Wort • — seine sauersüße Miene war 
unbezahlbar. Es war nämlich die Absicht, er sollte 
im Namen der Majorität ein Vertrauensvotum bean- 
tragen. Später hat er es geleugnet, aber ich weiß es 
ganz bestimmt ... Zu seinem Glück hatte er sich 
kaum erhoben, als schon die Unterbrechung kam . . . 

WINKELMANN 
War es nicht ein ganz junger Kerl, der eingriff? 

BLIX 

Ja, der Jüngste des Hauses — der Benjamin ... Sie 
hätten die Wirkung sehen sollen, als er aufsprang und 
brüllte : „Sagen Sie ihm, er soll uns mit seinem Gesetz 
verschonen ! Keinen Vergleich mit dem Mordbrenner- 
pack!" Das war das Stichwort. „Nieder das Mord- 
brennergesetz! Nieder der Diktator!" ertönte es von 
allen Seiten. In der nächsten Viertelstunde war der 
Saal wie ein brandendes Meer. Inzwischen aber saß 
Ulveling und schrieb. Er redigierte seine Tages- 
ordnung von rosenrotem Vertrauen zu pechschwar- 
zem Mißtrauen um, und durch diesen Kunstgriff ist 
er Ministerpräsident geworden. 

— T27 — 



WINKELMANN 
Ist er schon ernannt? 

BLIX 

Wissen Sie das nicht ? Ja, endlich ist er ernannt — 
heut mittag. Es war ein schweres Stück Arbeit, das 
neue Kabinett zu bilden, denn alle Fraktionsführer 
wollten Teil an der Beute haben, und das Ergebnis 
ist ein Sammelsurium, zum Bauchwehkriegen. Gleich- 
viel ' — das Leben kommt jetzt wieder in die alten 
Geleise. 

WINKELMANN 

Für die andern vielleicht, aber nicht für mich, — 
leider. 

BLIX 

Ach ja, einen Sekretär hat Frank ja jetzt nicht 
mehr nötig. Und außerdem hat er kaum die Mittel 
dazu. Denn Vermögen hat er nicht, so viel ich 
weiß ... 

WINKELMANN 
Keinen Heller. 

BLIX 

Und mit den Einnahmen wird es fortan auch nicht 
weit her sein. Er wird also nichts mehr für Sie tun 
können ... 

WINKELMANN 
Allerdings hat er versprochen, vorläufig für mich zu 
sorgen. Aber seine eigene Zukunft ist ja so unsicher . . . 

- 128 ~ 



BLIX 

Das ist sie. Er wird vielleicht zur Verantwortung 
gezogen und verurteilt werden, oder er muß das Land 
verlassen . . . Auf Franks Hilfe dürfen Sie nicht 
rechnen. 

WINKELMANN 
Ja, es wird wohl so kommen, daß ich auf dem Trocke- 
nen sitze. 

BLIX 

Verlieren Sie den Mut nicht — es wird sich schon 
Rat finden ... Sie waren ja früher Lehrer . . . 

WINKELMANN 

Ich hatte es sogar bis zum Oberlehrer gebracht. 

BLIX 

Möchten Sie nicht wieder Lehrer werden? 

WINKELMANN 

Lust hätte ich schon — aber es läßt sich nicht recht 
machen. 

BLIX 

Sie meinen: weil Sie Ihren Abschied unter etwas 
fatalen Umständen genommen haben. Ach was, die 
alte Geschichte ist begraben. Und ist es keine Lehrer- 
stelle, so ist's vielleicht etwas anderes. Denn es gibt 
einen mächtigen Mann, der sich lebhaft für Ihr Wohl 
und Wehe interessiert . . . 

WINKELMANN 

Wirklich? Wer in aller Welt kann das sein? 

9 — 129 — 



BLIX 

Kein Geringerer als der neue Ministerpräsident. 

WINKELMANN 
Ul veiing ? Aber er kennt mich ja gar nicht ... 

BLIX 

Das tut nichts zur Sache. Er sprach noch eben in 
meiner Gegenwart von Ihnen, und ich kann versichern : 
Sie sind ihm nicht gleichgültig. Sie werden es 
übrigens bald aus seinem eigenen Munde hören, denn 
er ist schon im Hause. 

WINKELMANN 
Im Hause? 

BLIX 
Ja, begreiflicherweise war er ungeduldig, seine Amts- 
wohnung in Augenschein zu nehmen. Wenn man 
zwanzig lange Jahre auf den Augenblick gewartet hat, 
hier einzuziehen, so . . . Und jetzt macht er einen Rund- 
gang, von Prätorius begleitet. 

WINKELMANN 
So ? Prätorius ist bei ihm ... 

BLIX 

Prätorius und er sind jetzt unzertrennlich. 

WINKELMANN 
Ulveling will sich meiner annehmen, — denken Sie 
nur! Herrgott, daß Sie mir das nicht gleich gesagt 
haben ... 

- 130 — 



BLIX 

— statt Sie hier mit meinem Geschwätz aufzuhalten 
— sagen Sie's nur, ich bin Ihnen nicht böse . . . Offen 
gestanden, wenn ich hier gesessen und das Blaue vom 
Himmel heruntergeredet habe, so geschah es nur, um 
Zeit zu gewinnen. 

WINKELMANN 
Ja, aber warum wollten Sie denn Zeit gewinnen? 

BLIX 

Um dabei zu sein, wenn Sie und Ulveling sich be- 
gegnen. Ich bin neugierig, was bei dieser Begegnung 
herauskommen wird — ich habe meine ganz persön- 
lichen Gründe . . . 

WINKELMANN 

Von alledem verstehe ich kein Sterbenswort. 

BLIX 

Nein, selbstverständlich nicht. Aber ich will Ihnen 
die §ache jetzt erklären . . . Wie Sie wissen, hat das 
Parlament eine Kommission ernannt, mit der Auf- 
gabe, Frank für immer unschädlich zu machen. Diese 
Kommission soll Licht in die dunklen Machen- 
schaften bringen, die man ihm für die Zeit seines 
Ministeriums mit Recht oder Unrecht vorwirft. 

WINKELMANN 

Nun ja, — aber was hat das mit Ihnen oder mit 
mir zu tun? 

9* — 131 — 



BLIX 

Ungeheuer viel. In Wirklichkeit geht die Sache uns, 
sowie Ulveling und noch andere an . . . Aha, da ist er 
ja schon . . . 

ULVELING und FRÄTORIUS erscheinen. Blix und Winkelmann 
stehen auf, 

BLIX 

Darf ich vorstellen . . . 

ULVELING 

Nicht nötig — ich weiß ja, wer der Herr ist . . . 
Zu Winkelmann. Ich kann mich doch darauf verlassen 
— Frank kommt vorläufig nicht? 

WINKELMANN 
Nicht vor heut abend, Exzellenz. 

ULVELING 

Gut, — dann können wir ja in aller Gemütlichkeit 
Platz nehmen ... Er und Prätorius setzen sich an den 
Schreibtisch^ während Blix am Tisch rechts Platz nimmt. Ah, es 
ist eine wahre Wohltat, mal zu sitzen. Ich bin nun 
schon mehrere Stunden auf den Beinen . . . 

BLIX 

Es sitzt sich gewiß weich auf den Polstern der Macht. 

ULVELING 

Zu weich, finde ich. Diese Polsterstühle sind nichts 
für mich. Prätorius — die müssen aus meinem Arbeits- 
zimmer heraus, wenn ich einziehe. Ich habe Ihnen 

- 132 - 



wohl schon gesagt, ich leide an einem Übel, das von 
sitzender Lebensweise herrührt . . . 

PRÄTORIUS 

Sitzende Lebensweise bei unermüdlicher Arbeit. 
Dieses Übel haben Sie sich im Dienste der Allgemein- 
heit zugezogen. 

ULVELING. 

Das mag immerhin ein Trost sein, aber verdammt 
unangenehm ist es doch. Zu Winkelmann. Sie sagten, 
Frank kommt nicht vor Abend zurück. Was hat er 
denn vor ? Wissen Sie, wo er hin ist ? 

WINKELMANN 
Er ist aufs Land, Exzellenz, um Wohnung zu suchen. 

ULVELING 

Ja, hier in der Stadt wird er wohl schwer ein Unter- 
kommen finden. 

WINKELMANN 
Ein Ding der Unmöglichkeit, Exzellenz. Niemand 
will ihn als Mieter haben, denn alle haben Angst vor 
Attentaten. 

ULVELING 

Er bekommt wohl viele Drohbriefe? 

WINKELMANN 
Haufenweise, Exzellenz. Der ganze Papierkorb dort 
ist voll. 

~ 133 - 



ULVELING 

Ach, lassen Sie mich doch mal sehen. 

Winkelmann nimmt einen Brief aus dem Papierkorb und reicht ihn 
ülveling hin, 

ULVELING 

liest. 
5,Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert 
umkommen" . . . Mehr steht nicht drin. Eine un- 
geübte Hand, — aber die Stimme der Gerechtigkeit. 
Ja, das Gerechtigkeitsgefühl hat tiefe Wurzeln in der 
Seele des gemeinen Mannes. 

BLIX 

Wenn nur dieses Gerechtigkeitsgefühl sich nicht 
plötzlich auf unsere Kosten äußert. Wir sitzen hier 
sozusagen auf einem Pulverfaß, ■ — wer weiß, vielleicht 
werden wir im nächsten Augenblick mit einer Bombe 
regaliert, die Frank zugedacht war. 

ULVELING 

steht auf. 
Die Schweinehunde ! Sollten sie wirklich . . . 

BLIX 

Nein, die Zeit der Bombenwerfer ist ja nun vorbei 
— dafür hat Frank schon gesorgt. Ich habe mir nur 
einen kleinen Scherz erlaubt. 

ULVELING 

setzt sich wieder. 
Ein etwas deplazierter Scherz. Zu Winkelmann, Aber 
sagen Sie mir, was für einen Eindruck macht es auf 

- 134 — 



Frank, daß man ihm wie einem Pestkranken aus dem 
Wege geht? Er ist sich wohl dessen bewußt, daß er 
jetzt für alle Zeiten erledigt ist? Merkt man ihm 
nichts an? An seinen Mienen, an seiner ganzen 
Haltung ? 

WINKELMANN 

Nein, äußerlich ist er wie sonst, Exzellenz. 

ULVELING 

Äußerlich, vielleicht. Aber innerlich, — da steht er 
alle Qualen der Hölle aus, — darauf können Sie Gift 
nehmen. 

BLIX 

Hoffen wir es wenigstens. 

ULVELING 

Was meinen Sie damit? 

BLIX 

Dasselbe, was gewiß auch Exzellenz meinen ■ — 
hoffen wir, daß das Leid seine Seele läutert. 

ULVELING 

Man weiß nie, ob Sie im Ernst reden, Blix . . . Nun, 
und was meinen Sie, Prätorius? Glauben Sie nicht 
auch, die Seele wird ihm wie mit Messern zer- 
schnitten, Tag und Nacht ? 

PRÄTORIUS 

Davon bin ich überzeugt. 

- 135 - 



BLIX 

Ja, Sie müssen ihn ja am besten kennen, denn Sie 
waren doch von Jugend auf intim mit ihm. 

PRÄTORIUS 

Ich bin niemals intim mit Frank gewesen. Dies 
Gerede von unserer Jugendfreundschaft ist eine Fabel, 
die Gott weiß wer in die Welt gesetzt hat. 

BLIX 

So, wirklich? Da sieht man, wie man sich irren 
kann . . . Dann beruht die Geschichte, er habe Ihnen 
kürzlich noch einen Freundschaftsdienst erwiesen, na- 
türlich auch auf Erfindung. 

PRÄTORIUS 

Was für ein Freundschaftsdienst sollte das gewesen 
sein ? 

BLIX 

Ich habe etwas läuten hören, daß er Ihnen zu der 
Finanzoperation geraten, die Sie jetzt zum Millionär 
gemacht hat. 

PRÄTORIUS 

Ich muß gegen den Ausdruck „Finanzoperation" 
protestieren. Es ist wahr, ich habe einen beträchtlichen 
Ankauf von Industriepapieren gemacht, aber das ge- 
schah nicht in der Hoffnung auf persönlichen Gewinn. 

BLIX 

Sieh mal an! Und warum kauften Sie denn die 
Papiere ? 

~ 136 - 



PRÄTORIUS 
Weil ich es für meine Pflicht als Bürger und Patriot 
ansah. 

BLIX 

Sie sahen es für Ihre patriotische Pflicht an, Millionär 
zu werden? 

PRÄTORIUS 

Ich hielt Sie für intelligent genug, um zu verstehen, 
was ich meinte. Der Sturz der Industriepapiere drohte 
sich zu einer nationalen Katastrophe auszuwachsen, 
und so galt es, die Kurse wieder in steigende Tendenz 
zu bringen. Da bin ich mit gutem Beispiel voran- 
gegangen. 

BLIX 

Wenn Sie ein gutes Beispiel geben wollten, warum 
sind Sie dann nicht auf den offenen Markt getreten ? 
Es heißt aber, Sie hätten in aller Heimlichkeit Papiere 
zugekauft — und Sie hätten sie für ein Butterbrot 
erworben . . . 

PRÄTORIUS 

Die Leute reden so viel — besonders die Miß- 
günstigen, die den Anschluß verpaßt haben. 

BLIX 

Ja, man sagt ja auch, es sei kein Risiko für Sie ge- 
wesen, da Frank Ihnen im rechten Augenblick den Tip 
gegeben habe. 

PRÄTORIUS 

Frank ist nicht der Mann, dessen Rat ich befolgt 



hätte. Dazu ist er zu arg aus dem Gleichgewicht. Ich 
war mir schon lange darüber klar, daß er nicht nor- 
mal ist. 

ULVELING 

Sagen Sie, er ist verrückt, Prätorius, reif für das 
Narrenhaus. Da geht er hin und öffnet ohne weiteres 
dem Levinski den Käfig. Und so läuft diese Bestie 
nun frei herum — als öffentliches Schreckgespenst. 
Der Skandal muß ein Ende haben — der Bursche soll 
so bald wie möglich wieder ins Loch. 

BLIX 

Levinski hat gewiß wenig Vergnügen von seiner 
Freiheit, — er soll an Leib und Seele gebrochen sein. 
Die Parteigenossen wollen nichts mehr von ihm wissen : 
sie haben ihn im Verdacht, er habe seine Begnadigung 
mit einem Verrat erkauft. Ich, für meinen Teil, glaube 
das nicht. 

PRÄTORIUS 

Die Verhandlungen des Kriegsgerichts fanden zwar 
bei verschlossenen Türen statt, aber soviel weiß ich 
doch, daß Levinski nicht den Kronzeugen gemacht 
hat. Hätte er seine Mitschuldigen preisgegeben, so 
wäre seine Freilassung erklärlich. Aber wie die Dinge 
liegen, kann ich in Franks Handlungsweise nur das 
traurige Zeugnis geschwächter Geisteskräfte sehen. 

BLIX 

Nein, hören Sie mal — wir können ihm vieles ab- 
sprechen, aber die Geisteskräfte müssen wir ihm wahr- 
haftigen Gott lassen. 

- 138 - 



ULVELING 

So ist es recht — nur weiter in Ihrer Lobrede ! Sie 
sind sein geschworener Anhänger gewesen, und in 
Ihrem innersten Herzen sind Sie es noch. 

BLIX 

Ich habe ihn in meinem Blatt doch kräftig genug 
angegriffen. 

ULVELING 

Lange nicht kräftig genug. Man spürt in Ihren 
Artikeln eine Unterströmung von Sympathie, von 
Bedauern über sein Schicksal — das können Sie nicht 
leugnen. 

BLIX 

Ich habe nun mal etwas von einem Stimmungs- 
menschen, — ich kann mir nicht helfen. 

ULVELING 

Meinetwegen seien Sie Stimmungsmensch, soviel 
Sie wollen, wenn Sie nur aufpassen, daß Ihre Stim- 
mungen immer auf der richtigen Seite sind. 

BLIX 

Exzellenz sollen keinen Grund zur Unzufrieden- 
heit haben. Ich bin überzeugt, Ihnen wird der 
Artikel gefallen, den ich zum Ministerwechsel bringe. 
Ich möchte um die Erlaubnis bitten, ihn vorlesen zu 
dürfen — ich habe einen Korrekturabzug bei mir . . . 

ULVELING 

Ich erwarte mir nicht viel davon. Immerhin — 
lassen Sie hören, was Sie da zusammengebraut haben. 

- 139 — 



BLIX 

liest, 
„Robert Frank ist gestürzt, und niemals wird er sich 
wieder erheben. Für ihn, der noch vor kurzem zu den 
Mächtigen der Erde gehörte, hat die Zukunft keine 
andere Hoffnung, als daß barmherzige Vergessenheit 
sich auf sein schuldbelastetes Andenken senke." 

ULVELING 

Nicht übel. Aber mir scheint, Ihre Stimme bebt 
— vielleicht aus Mitgefühl? 

BLIX 

Nein, nur weil der Satz einen so wohlklingenden 
Rhythmus hat. Wenn ich etwas recht Schönes schreibe, 
so bin ich immer selbst davon ergriffen — eine rein 
künstlerische Rührung. 

ULVELING 

Na — also weiter im Text ... 

BLIX 

liest, 
„Als es klar wurde, daß seine unberechenbafe Eolitik 
den Staat und die Gesellschaft an den Rand des Ab- 
grundes bringen würde, da wandte die Nation sich von 
ihm ab und rief nach einem Führer, dessen Leitung 
Sicherheit verbürge. Und just als die Not am höchsten 
war, da trat der Häuptling hervor: er offenbarte sich 
in Jakob Ulvelings ehrwürdiger Gestalt." 

ULVELING 

. Donnerwetter, da muß ich doch aber bitten ! „Ehr- 

— 140 — 



würdige Gestalt !" . . . Die Leute, die mich nicht 
kennen, müssen glauben, ich sei ein Tapergreis. 

BLIX 

Schön, ich werde über ein bezeichnenderes Adjektiv 
nachdenken ... Er liest. „Im Gegensatz zu Robert 
Frank, der keine Selbständigkeit neben sich duldete, 
hat sich Herr Ulveling mit Mitarbeitern umgeben, 
die ausnahmslos hervorragende Männer sind." 

ULVELING 

„Hervorragend" möchte ich nicht gerade behaup- 
ten . . . Doch lesen Sie weiter . . . 

BLIX 

liest, 
„Einer oder der andere wird sich vielleicht wundern, 
daß in der Konstellation des Kabinetts kein Platz für 
den neuen Stern war, der so plötzlich an unserem 
politischen Himmel aufgetaucht ist. Wir meinen da- 
mit den jungen Volksvertreter: das Parlament nannte 
ihn seinen Benjamin, — er hat sich aber jetzt als ein 
David erwiesen, der unsern Goliath fällte." 

ULVELING 

Na, hören Sie mal! Das nennen Sie Unterstützung 
— wenn Sie gegen die Zusammensetzung des Kabinetts 
Einwände machen! 

BLIX 

Nicht ich mache Einwände. Ich bringe sie hier 
nur vor, um sie unten zu widerlegen. Man muß die 
Kritik im voraus entwaffnen. 

- 141 - 



ULVELING 

Kein Mensch wird Kritik daran üben, daß ich den 
Gelbschnabel nicht hineingelassen habe. 

BLIX 

Davon bin ich noch gar nicht so überzeugt. Er hat 
doch in dieser ganzen Affäre eine hervorragende Rolle 
gespielt. Und daß er jung ist, das ist in den Augen 
mancher Leute gerade ein Vorteil. 

ULVELING 

Aber nicht in meinen. Ich kann junge Leute nun mal 
nicht leiden - — sie sind Wichtigtuer, sie sind naseweis. 
Es war eine Frechheit von dem grünen Jungen, mir ins 
Wort zu fallen, als ob ich nicht selber wüßte, was ich 
zu sagen hätte . . . „David" nennen Sie ihn — der 
David, das bin ich doch gewesen, sollt' ich meinen. 
Meine Tagesordnung hat Frank gestürzt, und nicht 
das Blöken dieses unerzogenen Schlingels. 

PRÄTORIUS 

Sie können doch nicht leugnen, Herr Blix, daß dieser 
junge Mann ein höchst unreifer Politiker ist. Er hätte 
sich mit seinem ersten wohlfeilen Erfolg begnügen 
sollen. Aber in seinem Siegesrausch wollte er sich 
selbst übertrumpfen, und so kam er mit diesem un- 
überlegten Antrag, eine Untersuchungskommission 
gegen Frank einzusetzen. 

BLIX 

Ein Antrag, der leider mit allen Stimmen ange- 
nommen wurde — auch mit Ihrer, Herr Prätorius. 

— 142 — 



PRÄTORIUS 

Nachdem er einmal eingebracht, war man ja doch 
gezwungen, dafür zu stimmen, wenn man sich nicht 
verdächtig machen wollte. Aber deswegen ist er doch 
inopportun. 

BLIX 

Er ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn das alles 
ans Licht käme, was unter Franks Regiment passiert 
ist, so fürchte ich, wird vielleicht nicht er der am 
meisten Kompromittierte sein. 

ULVELING 

Sind Sie am Ende für Ihr eigenes Fell besorgt? 

BLIX 

Das auch. Aber schlimmstenfalls kann ich mich 
mit dem Gedanken trösten, mich in sehr guter Ge- 
sellschaft zu befinden, — nicht wahr, Exzellenz ? 

ULVELING 

Was für Insinuationen erlauben Sie sich? 

PRÄTORIUS 
Herr Blix, ich weise mit Indignation den bloßen Ge- 
danken zurück, daß Personen in bevorzugter Stellung 
der Korruption zugänglich gewesen seien. 

BLIX 

Aber warum hat man dann solche Angst, Frank 
könnte sich mit Enthüllungen rächen, und warum 
sind gewisse Leute so eifrig hinter seinen Papieren 

- 143 - 



her? Ja, warum sollen diese Papiere überhaupt bei- 
seite geschafft werden ? 

PRÄTORIUS 

Weil sie beweisen dürften, daß Frank jedenfalls 
Versuche von Korruption gemacht hat. Ohne Er- 
folg, — daran zweifle ich nicht. Aber die bare Tatsache, 
daß hervorragende Männer bei uns so anstößigen Ver- 
suchen ausgesetzt waren, — schon diese Tatsache wird 
als eine Demütigung des ganzen Landes empfunden 
werden. Unserer ehrenhaften Nation soll eine solche 
Schande erspart bleiben, und deshalb müssen diese 
Papiere verschwinden. 

ULVELING 

Ja, das ist alles schön und gut, lieber Prätorius, — 
die Papiere sollen verschwinden — aber erst müssen 
wir sie doch haben. 

PRÄTORIUS 
Herr Winkelmann wird wahrscheinKch die not- 
wendigen Aufschlüsse geben können. 

ULVELING 

zu Winkelmann, 
Ja, warum stehen Sie denn da hinten an der Tür? 
Nehmen Sie sich einen Stuhl und setzen Sie sich zu 
mir. 

Winkelmann rückt zögernd einen Stuhl zu Uheling und setzt sich 
auf die Kante, 

ULVELING 
Ich habe ja noch gar nicht mal ordentHch mit Ihnen 

- 144 - 



gesprochen ... Sie sind ein Verwandter von Frank, 
höre ich . . . 

WINKELMANN 
Eigentlich verwandt bin ich nicht mit ihm, Ex- 
zellenz. Aber ich war mit seiner Schwester verheiratet, 
die jetzt tot ist. 

ULVELING 

So, sie ist tot, — das ist ja traurig . . . Dann sind 
Sie also Franks Schwager? Und Sie stehen wohl gut 
mit ihm ? Sie hatten sich von seiner Seite über nichts 
zu beklagen ? 

WINKELMANN 
Nein, eigentlich nicht, Exzellenz. 

PRÄTORIUS 
Diese Antwort gereicht Ihnen zur Ehre, Winkel- 
mann. Es ist Ihnen natürlich peinlich, Ihren Schwager 
bloßzustellen. Immerhin hat er es Ihnen gegenüber in 
auffallendem Maße an der nötigen Rücksicht fehlen 
lassen. 

ULVELING 

Ist wohl nicht möglich! 

PRÄTORIUS 

Als Beispiel kann ich anführen, daß Frank sich be- 
ständig eines Spitznamens Herrn Winkelmann gegen- 
über bedient. Er nennt ihn Leporello, — ein, gelinde 
gesagt, unpassender Name für einen Mann, der lange 
ein Lehrer der Jugend war. 

- 145 - 



ULVELING 

Leporello, sagen Sie! Und so etwas wagt er einem 
so hochverdienten Pädagogen zu bieten! Nein, das 
glaub ich nicht. 

WINKELMANN 
Es ist wirkUch so, Exzellenz. 

ULVELING 

Ich kann nicht sagen, wie mich das empört. Seinen 
eigenen Schwager, seinen treuen Mitarbeiter zu einer 
gemeinen und lächerlichen Figur zu machen ■ — das 
ist mehr als zynisch, das ist pervers . . . Und Sie haben 
sich in diese permanente Mißhandlung gefunden? 

WINKELMANN 
Es war mir immer unangenehm, wenn er mich 
Leporello nannte. Doch ich habe nichts sagen wollen. 

ULVELING 

Aber jetzt werden Sie ihm sagen, daß Sie sich das 
nicht länger gefallen lassen. Sie müssen doch ver- 
stehen, daß so etwas Ihre Menschenwürde beleidigt. Sie 
haben ihn ja jetzt auch nicht mehr zu fürchten . . . Sie 
sollen eine Stellung haben, die weit besser ist als dieser 
klägliche Sekretärposten. Eine Stellung, die Ihren 
Talenten und Verdiensten entspricht. 

WINKELMANN 
Ich weiß nicht, wie ich Exzellenz danken soll. 

ULVELING 

Ich verlange keinen Dank . . . Doch nun zu etwas 

— 146 — 



anderm. — Was sind das für Papiere, die hier im 
Schreibtisch liegen? 

WINKELMANN 
Das sind allerlei Gutachten und Vorarbeiten, Ex- 
zellenz. Frank beauftragte mich, sie zu ordnen, bevor 
sie den Büros wieder zugestellt würden. 

ULVELING 

Und wo sind die — vertraulichen Dokumente? 

WINKELMANN 

sieht ülveling fragend an. 

PRÄTORIUS 

Exzellenz meint die Sammlung von Schriftstücken, 
die Frank mit dem nicht sehr geschmackvollen Aus- 
druck „Spitzbubenarchiv" charakterisierte. Er pflegte 
sie in dem Schrank dort aufzubewahren. 

WINKELMANN 

Ja, sie liegen noch immer dort. Ich bin noch nicht 
dazu gekommen, sie zusammenzupacken. 

PRÄTORIUS 

zu ülveling. 
Nun, das erleichtert uns ja die Aufgabe in wesent- 
lichem Grade. 

ULVELING 

zu Winkelmann. 
Hören Sie, — Sie haben doch keine Bedenken, den 
Schrank in meiner Gegenwart zu öffnen? 

lo* — 147 — 



WINKELMANN 
Nein, wenn Exzellenz befehlen, so ist das nur meine 
Pflicht. 

ULVELING 

Bravo. Sie haben das Herz auf dem rechten Fleck. 
Er reicht Winkelmann die Hand, Meine Hochachtung, Herr 
Leporello, — Herr Winkelmann wollt ich sagen - - 
Entschuldigen Sie meine Zerstreutheit ... Ja, dann 
wollen wir also mal gleich — 

Alle stehen auf und begeben sich zum Schrank^ wo Winkelmann am 
Schloß hertimzuarbeiten beginnt. 

ULVELING 

Geht's nicht ? Ist mit dem Mechanismus was nicht 
in Ordnung? 

WINKELMANN 
Nein, nur weil es ein Kombinationsschloß ist, Exzel- 
lenz. Die Buchstaben müssen erst zusammengesetzt 
werden ... 

BLIX 

Altfränkischer Kram. Wohl ein Erbstück. 

ULVELING 

Ich möchte Franks Gesicht sehen, wenn er entdeckt, 
daß der Vogel ausgeflogen ist . . . Ah, da ist der Schrank 
auf! — Doch er ist ja leer! 

FRÄTORIUS 

Das mittlere Fach ist leer. Aber vielleicht in den 
Schubladen ... 

- 148 - 



WINKELMANN 

%ieht die Schubladen heraus. 
Ich verstehe nicht — Noch gestern abend . . . 

BLIX 

Nicht der kleinste Fetzen Papier . . . Frank ist uns 
zuvorgekommen ... 

Kurze Pause, Alle sehen einander an, 

ULVELING 

Zum Teufel noch mal! 

Die Tür öffnet sich und FRANK tritt ein. Er bleibt einen Augen- 
blick stehen und betrachtet die Anwesenden, 

ROBERT FRANK 

Guten Tag, meine Herren. Ich gratuliere Ihnen, 
Ulveling, — Sie sind ja jetzt ernannt. 

ULVELING 

Ja, ich bin ernannt ... ich bin ernannt ... ja, ich 
bin . . . 

ROBERT FRANK 

Und da war Ihr erster Gedanke, zu mir zu kommen. 
Das ist eine Aufmerksamkeit, die ich nach Verdienst 
würdige. 

ULVELING 

Jawohl, es schien mir nur recht und billig, meinem 
Vorgänger einen Besuch zu machen . . . mich ihm als 
Nachfolger vorzustellen ... 

- 149 - 



ROBERT FRANK 

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen einen Stuhl anbieten 
darf. Denn Sie sind doch nun der Herr des Hauses. 

ULVELING 

Nein, danke sehr, ich muß jetzt wohl gehen . . . 
ich habe noch viel wichtiges zu erledigen . . . bin gerade- 
zu mit Geschäften überbürdet . . . 

ROBERT FRANK 

Das kann ich mir wohl denken. Aber ich bedaure 
Sie nicht. Es muß doch eine Genugtuung für Sie 
sein, nun das Ziel Ihrer Wünsche erreicht zu haben. 

ULVELING 

Ich habe mir niemals die Last der Regierung ge- 
wünscht. 

ROBERT FRANK 

Machen Sie doch keine Mördergrube aus Ihrem 
Herzen, Ulveling. 

ULVELING 

Ich versichere Ihnen, es wäre mir weit lieber gewesen, 
hätte ein anderer das verantwortungsvolle Amt über- 
nommen. 

PRÄTORIUS 

Das kann ich bezeugen, — auf Ihrem kummer- 
schweren Antlitz war der Gedanke zu lesen, wieviel, 
wie unendlich viel geschehen müsse, um die Wunden 
zu heilen, die diesem hartgeprüften Lande geschlagen 
sind. Es bedarf der Selbstverleugnung, um unter so 
schwierigen Verhältnissen das Steuer zu ergreifen. 

- 150 - 



ROBERT FRANK 

Ach was! Wir Auguren unter uns wollen doch 
nicht so feierlich sein, wie wir's dem profanen Volk 
gegenüber sind . . . Schwierige Verhältnisse — von 
dergleichen nähren sich doch die Politiker. 

PRÄTORIUS 

„Nähren" sich?! 

ROBERT FRANK 

Ja, genau wie die Advokaten von Prozessen. Wir- 
rungen und Spaltungen und Not und Elend, — lieber 
Gott, wie sollten die Politiker ohne das auskommen ? ! 
Je toller es hergeht, desto besser gedeihen sie. Nach 
außen müssen sie freilich den Anschein erwecken, als 
seien sie von Sorgen erfüllt; im Grunde aber sind sie 
Seelen vergnügt über die einträgliche Misere. 

PRÄTORIUS 

Glücklicherweise habe ich mir meinen Glauben an 
die Menschen bewahrt, und ich bin so frei, zu be- 
streiten, daß unsere Politiker die vollendeten Heuchler 
sind, als welche du sie an den Pranger stellst. 

ROBERT FRANK 

Kein Gedanke — so hoch taxiere ich sie nicht. Zeig 
mir einen vollendeten Heuchler, und ich werde den Hut 
vor diesem seltenen Vogel ziehen. Denn schau, es ist 
nicht jedermanns Sache, eine Heuchlerrolle planmäßig 
durchzuführen. Dazu gehört eine Persönlichkeit aus 
einem Guß. Die Stümper treiben wohl auch Heuchelei, 
aber sie woUen's nicht vor sich selber eingestehen . . . 
Und du, Prätorius? Beschaust du jemals deine eigene 

- 151 - 



Nacktheit ? Du wagst gewiß nicht einmal im stillen 
Kämmerlein, deine Sonntagskleider abzulegen. 

PRÄTORIUS 

Ich habe keine Lust, indiskrete Fragen zu beant- 
worten. Deswegen bin ich nicht hergekommen. 

ROBERT FRANK 

zeigt auf den offenen Schrank, 
Nein, das sieht ein Kind, warum die Herren ge- 
kommen sind. Mit Respekt zu sagen, ■ — in der Ab- 
sicht, einzubrechen. 

PRÄTORIUS 

Einzubrechen! Ich muß dich bitten, dich im Aus- 
druck zu mäßigen . . . 

ROBERT FRANK 

Und so habt ihr diesen armen Leporello verleitet, 
euch Handlangerdienste zu leisten. 

WINKELMANN 

Nenn mich nicht Leporello ! Das verbitte ich mir ! 
Du beleidigst meine Menschenwürde! 

ROBERT FRANK 
Bist du verrückt geworden? 

WINKELMANN 

retiriert und sucht Deckung hinter Ulveling, 
Ich fürchte dich nicht mehr — nicht so viel! Seine 
Exzellenz beschützt mich. Er hat mir eine Stellung 

- 152 - 



versprochen, eine viel bessere Stellung, als ich bei dir 
gehabt habe . . . 

ULVELING 

Dummes Zeug ! Ich habe Ihnen nichts versprochen. 

PRÄTORIUS 

Sie müssen Seine Exzellenz mißverstanden haben. 

WINKELMANN 

zu Blix, 
Aber haben Sie mir nicht gesagt . . . ? 

BLIX 

Seien Sie so gut und lassen Sie mich aus dem Spiel. 

PRÄTORIUS 

zu Ulveling, 
Wollen wir nicht lieber dieser peinlichen Szene ein 
Ende machen? 

ULVELING 

Ja, vi^eg von diesem vermaledeiten Ort! 

ROBERT FRANK 

Noch einen Augenblick. Es ist besser, wir machen 
gleich reinen Tisch miteinander. Es ist mir natürlich 
klar, warum Sie sich mit meinen geheimen Papieren 
aus dem Staube machen wollten ... 

ULVELING 

Ich wollte sie beschlagnahmen, im Interesse des 
Staates ... 

~ 153 - 



ROBERT FRANK 

Es geschah wohl eher in Ihrem eigenen Interesse. 
Denn Sie wissen ganz gut: kommen gewisse Trans- 
aktionen ans Licht, dann sind Sie erledigt, mein guter 
Ulveling, Sie und noch andere von unseren öffentlichen 
Männern. 

ULVELING 

Haben Sie's auf einen Skandal abgesehen? 

ROBERT FRANK 

Nur wenn ich dazu gezwungen werde. Es ist nicht 
nach meinem Geschmack, etwas zu verraten, was unter 
vier Augen abgemacht ist. Aber unser tugendhaftes 
Parlament will es ja so haben. Es hat Einblick verlangt 
in alle meine Missetaten — nun wohl, so soll denn auch 
alles herunter bis aufs Hemde! 

PRÄTORIUS 

Vergiß nicht, daß ein Skandal auch dich beschmutzen 
würde. 

ROBERT FRANK 

Mich zu beschmutzen — ist das nicht vielleicht 
euer sehnlichster Wunsch? 

ULVELING 

Ich bin es nicht gewesen, der diese verdammte Unter- 
suchungskommission erfunden hat. 

PRÄTORIUS 

Man muß die Untersuchung niederschlagen — die 

- 154 - 



Rücksicht auf Moral und gute Sitte macht dies zur 
Pflicht. Es werden sich schon Mittel und Wege finden, 
die Tätigkeit der Kommission zu inhibieren. 

ROBERT FRANK 

Treten die Herren den Rückzug an, ■ — um so besser. 
Dann lasse ich vorläufig die Papiere in ihrem sichern 
Versteck. 

ULVELING 

Ich kann mich also darauf verlassen, — die Sache 
ist aus der Welt . . . ? 

ROBERT FRANK 

Nein, Ulveling, Sie dürfen nicht glauben, mich so 
leichten Kaufes loszuwerden. Es genügt mir nicht, 
daß man aufhört, mich zu inkommodieren — ich will 
Sie und die andern an der Leine haben. Sie möchten 
schalten und walten nach Herzenslust — o nein, das 
sollen Sie nicht ! Ich will nicht, daß Sie zu viel Dumm- 
heiten machen, Dummheiten, für die ich einmal zu 
büßen hätte, wenn ich wieder ans Ruder kommen sollte. 
Vergessen Sie niemals, daß ich Sie in der Hand habe, — 
daß Banquos Geist in jedem Augenblick erscheinen kann 
. . . Und so hoffe ich auch in Ihrem eigenen Interesse, 
Sie führen sich anständig auf. Nur dies wollte ich 
Ihnen ans Herz legen. Und jetzt will ich Sie nicht 
länger aufhalten — . Adieu, meine Herren. 

Ulveling wendet sich zum Gehen^ ebenso Prätorius und Blix. 

WINKELMANN 

heftet sich an Ulvelings Fersen. 
Ein Wort, Exzellenz, nur ein Wort . . . 

- 155 - 



ULVELING 

Gehen Sie zum Teufel! 

Winkeltnann prallt zurück und bleibt dann unbeweglich stehen, 
Ulveling^ Prätorius und Blix ab» 

ROBERT FRANK 

Na, Leporello — du stehst ja da wie eine Salzsäule ? 

WINKELMANN 
Sei barmherzig! Vergib mir! Ich wußte nicht, was 
ich tat. 

ROBERT FRANK 

Na, na. Aber wir wollen's nicht tragisch nehmen, 
Leporello. 

WINKELMANN 
Nein, nicht wahr, — du bist nicht böse ? Du 
wirst nicht deine Hand von mir abziehen? Du wirst 
mir nicht die kleine Pension nehmen, die du mir 
versprochen hast? 

ROBERT FRANK 

Nein, • — warum sollt ich wohl! Du hast dich 
heute in keinem anderen Lichte gezeigt, als wie ich 
dich immer gesehen habe. 

WINKELMANN 

Dank, tausend Dank! Du nimmst mir einen Stein 
vom Herzen . . . 

ROBERT FRANK 

Nun aber genug. Sag mir lieber: was soll das 

- 156 - 



heißen, daß sich im ganzen Hause kein Diener 
Wicken läßt! 

WINKELMANN 
Die Diener meinten, du werdest nicht vor Abend 
heimkommen. Und so haben sie sich alle aufgemacht, 
um Stellung zu suchen. Seit ihnen gekündigt ist, sind sie 
nicht mehr zu regieren. 

ROBERT FRANK 

Nun ja, es ist doch natürlich, daß sie an sich selbst 
denken. 

WINKELMANN 
Der einzige, der zu Hause geblieben, das ist der 
Portier — aber der ist dem Trunk ergeben, und 
so kann Kreti und Pleti ins Haus. Uh, wie ist das 
ungemütlich in diesem öden Hause — ! Und was das 
Schlimmste ist : auch der Koch hat sich entfernt . . . 

ROBERT FRANK 

Und du bist am Ende hungrig, Leporello. Gemüts- 
bewegungen machen Appetit. 

WINKELMANN 
Allerdings . . . Wenn du erlaubst, so tu ich einen 
kleinen Sprung in die Speisekammer — 

ROBERT FRANK 

Ja, natürlich, Leporello. 

Winkelmann ab, 
Robert Frank setzt sich an den Schreibtisch und nimmt die Doku- 
mente zur Hand, 
Es klopft an der Tür, 

- 157 - 



ROBERT FRANK 

Herein ! 

JULIA CAMERON 

tritt ein. 
Herr Winkelmann meinte, Sie würden mich gewiß 
empfangen ... 

ROBERT FRANK 

geht ihr entgegen, 
Sie sind es? Sie sind es wirklich? Eine Freude — 
so unerwartet — ! Er lädt sie ein^ auf dem Sofa Platz zu 
nehmen und setzt sich auf einen Stuhl daneben. Ich hatte Schon 
alle Hoffnung aufgegeben, Sie noch einmal zu sehen. 
Ich habe wiederholt den Versuch gemacht, Sie zu 
treffen, doch immer vergebens. 

JULIA CAMERON 

Ich bin in dieser ganzen Zeit fast nie zu Hause ge- 
wesen. Es gab für mich so mancherlei zu tun — 

ROBERT FRANK 

Ich weiß — Sie haben sich zur freiwilligen Kranken- 
pflege gemeldet. Und als ich das erfuhr, da begann 
ich an einem Wiedersehen zu verzweifeln. 

JULIA CAMERON 

Warum denn? 

ROBERT FRANK 

Die Eindrücke, die Sie dabei empfangen haben, müs- 
sen doch sehr stark gewesen sein. Erst bei den Ambu- 
lanzen und dann im Hospital ... 

- 158 - 



JULIA CAMERON 

Ach, es war entsetzlich. ! Die unglücklichen Menschen ! 
Solchen Jammer hätte ich nie für möglich gehalten. 
Manchmal wurde mir ganz schwarz vor Augen. Aber 
man muß sich zusammennehmen und nur den einen 
Gedanken haben: hier muß geholfen werden. Dann 
überwindet man seine Schwäche. 

ROBERT FRANK 

Nicht deswegen war ich besorgt, daß Sie Ihre Sache 
gut machen würden. Was ich fürchtete, das war die 
Möglichkeit, die Berührung mit all diesem Elend 
könnte auf Ihre Gesinnung mir gegenüber Einfluß 
haben. Denn ich bin es ja doch, der die Verantwortung 
trägt. 

JULIA CAMERON 

Ja, aber das ist doch eine Sache für sich. Ich finde, 
diese beiden Dinge haben nichts miteinander zu 
schaffen — oder doch nur äußerlich betrachtet. Denn 
nicht in böser Absicht haben Sie so gehandelt . . . 

ROBERT FRANK 

Sie verabscheuen mich also nicht ... 

JULIA CAMERON 
Um keinen Preis möchte ich Sie anders haben, als 
Sie sind. 

ROBERT FRANK 

Auch nicht, wenn alle diese Menschenleben erhalten 
geblieben wären? 

- 159 - 



JULIA CAMERON 
Auch nicht um diesen Preis . . . Aber Sie selbst ? . . . 
Die Menschenopfer, von denen Sie sprechen — drücken 
die Ihr Gewissen? 

ROBERT FRANK 

Da Sie mich fragen • — nein. Der Gedanke an die 
Toten ficht mich nicht an. 

JULIA CAMERON 

Wie froh ich bin, über Ihre Worte. Ich wäre gren- 
zenlos enttäuscht, wenn Sie bereut hätten. 

ROBERT FRANK 

Ich bereue nur eins, — daß ich nicht gründlicher 
zu Werke gegangen bin. Nicht zu viele sind geopfert 
worden, sondern zu wenige. 

JULIA CAMERON 

Wirklich ? War es nötig gewesen, gegen die armen 
Arbeiter noch härter vorzugehen? 

ROBERT FRANK 

Ich meine gar nicht die Arbeiter, — mit denen war 
ich ja fertig geworden. Nein, der Großbourgeoisie, der 
hätte ich's gehörig heimzahlen müssen. Ich dachte, 
der Streik und die Bomben hätten sie mürbe gemacht. 
Aber es bedurfte eines stärkeren Mittels, - — das sah 
ich zu spät ein. Hätte ichs nur so gedeichselt, daß ein 
paar hundert ihrer Matadore mit drauf gegangen 
wären. Dann hätte ich das Parlament ordentlich ein- 

~ i6o — 



geschüchtert und hätte mit ihm nach Belieben wirt- 
schaften können. 

Nun ist es anders gekommen. Ich hielt einen Wolf 
an den Ohren und bildete mir ein, er sei gezähmt. Doch 
ehe ich mich dessen versah, stürzte sich die Bestie 
auf mich. 

JULIA CAMERON 

Ja, es ist schändlich, wie man von allen Seiten über 
Sie herfällt. Leute, die Ihre Bewunderer waren, 
Leute, die mit Ihrer Freundschaft prahlten . . . Unten 
im Portal traf ich Herrn Prätorius. Er grüßte mich, 
aber ich tat, als sah ich es nicht. Ich hätte ihm am 
liebsten ins Gesicht geschlagen ! Diese ekelhafte Visage ! 
Ich hasse ihn! 

ROBERT FRANK 

Nein, Prätorius und die andern wollen wir nicht 
tadeln. Daß sie rebellisch gegen mich geworden sind, 
das habe ich mir selber zu danken. Ich hatte mich 
in einem wichtigen Faktor verrechnet, und der Abfall 
meiner Anhänger ist nur der verdiente Lohn. 

JULIA CAMERON 

Sie sind ungerecht gegen sich selbst. „Verrechnet" 
sagen Sie — aber so vergessen Sie doch nicht, daß Sie 
schon gesiegt hatten, daß Sie als Triumphator da- 
standen. Wenn die Sache später eine andere Wendung 
nahm, so war es ein Zufall. Ein dummer Zufall . . . 

ROBERT FRANK 

Ich hätte es eben nicht so einrichten dürfen, daß ein 
dummer Zufall mein ganzes Gebäude über den Haufen 

— l6i - 



werfen konnte . . Aber es hat keinen Zweck, über 
Versäumtes zu grübeln. Die Niederlage ist Tatsache. 
Und damit muß ich mich abfinden. 

JULIA CAMERON 

Und diese Niederlage, wie Sie's nennen — geht sie 
Ihnen zu Herzen ? 

ROBERT FRANK 

Ich finde natürlich, es ist eine Sünde und Schande, 
einen so günstigen Moment verpaßt zu haben. Man 
hat nicht jeden Augenblick Gelegenheit, eine Gesell- 
schaft umzuschaffen nach dem Bilde der Vernunft. 

JULIA CAMERON 

Ja, es ist jammerschade, daß Sie Ihre großartige Idee 
nicht durchführen durften. Aber um so schlimmer 
für diese dumme Gesellschaft. Ihre Bedeutung wird 
dadurch nicht geschmälert. Nebendinge wie Glück und 
Unglück ändern nichts an eines Mannes innerem Wert. 
Aber das brauche ich Ihnen doch nicht zu sagen . . . 

ROBERT FRANK 

Nein, so was sagt sich der Pechvogel gern selbst. 
Aber lieber noch hört er es von andern, — denn so 
hat der Trostgrund eine überzeugendere Kraft. 

JULIA CAMERON 

Nun sind Sie ironisch. Doch ich freue mich nur 
drüber, denn nun weiß ich, Sie haben sich nicht 
ducken lassen. Es wäre ja auch noch schöner, wenn 
sich ein Mann wie Sie verloren gäbe . . . Und es wäre 
zu empörend, wenn Ihre Feinde das letzte Wort haben 

— 162 — 



sollten. Sie müssen diese Feinde strafen, vernichten — 
vor allen diesen abscheulichen Verräter Prätorius . . . 
Nicht wahr, Sie stürzen sich wieder in die Politik? 
Ich bin überzeugt, Sie werden eines Tages mächtiger 
sein denn je . . . 

ROBERT FRANK 

Alles ist möglich — auch das ist möglich, daß ich 
noch einmal wieder zur Macht gelange . . . Man 
braucht um seine Zukunft nicht besorgt zu sein, wenn 
man einen Stern hat, der voranleuchtet. 

JULIA CAMERON 

Ja, dann müssen Sie aber einen andern Stern 
wählen. Denn der, den Sie so nannten, hat Ihnen 
leider kein Glück gebracht. 

ROBERT FRANK 

Wer kann es wissen? Was heut wie Mißgeschick 
aussieht, entpuppt sich vielleicht morgen als Glück . . . 
Und außerdem . . . wählt man seinen Stern ? . . . Nein, 
für mich werden Sie Stella sein und bleiben, auch 
wenn Sie nicht mehr so heißen wollen. 

JULIA CAMERON 

Doch, — Stella will ich heißen, jetzt und immer. 
Aber nicht, weil ich diesen Namen verdiene. 

ROBERT FRANK 

Warum also wollen Sie ihn tragen? Jetzt müssen 
Sie mir antworten — das haben Sie mir das letztemal 
versprochen. 

II* — 163 — 



JULIA CAMERON 

Nein, ich habe gesagt, Sie sollten es erraten. 

ROBERT FRANK 

Und ich habe gesagt, ich hätte nicht den Mut dazu. 
Ich bitte und beschwöre Sie • — lassen Sie mich nicht 
länger in Ungewißheit. 

JULIA CAMERON 

Da Sie mich bitten und beschwören, so muß ich 
mich wohl fügen . . . Warum ich diesen Namen 
tragen will ? Weil, — weil . . . Nein, ich kann's 
nicht sagen. 

ROBERT FRANK 

Sie müssen es sagen. 

JULIA CAMERON 

Ich will ihn tragen — weil Sie ihn mir gegeben 
haben. 

ROBERT FRANK 

steht auf. 
Stella . . . ? 

JULIA CAMERON 

steht auch auf. 
Ja, nun ist es heraus . . . Aber wußten Sie es denn 
nicht . . . ? 

ROBERT FRANK 

Stella...! 

Er zieht sie an sich und nimmt sie in seine Arme, 

Die Umarmung löst sich, Sie halten einander bei den Händen und 

sehen sich an, 

— 164 — 



JULIA CAMERON 

lächelt. 
So hätte ich denn als erste unser Geheimnis ver- 
raten. Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ich's 
fertig brächte. 

ROBERT FRANK 

Stella, wenn du ahntest ... 

JULIA CAMERON 

Was ist dir denn auf einmal! Du bist ja ganz bleich! 
Und du zitterst . . . 

ROBERT FRANK 

Es ist nichts. Ein Anflug von Schwindel. Aber es 
ist schon vorüber . . . 

JULIA CAMERON 

Es kommt vielleicht von der Hitze hier im Zimmer. 
Es ist zu warm hier. Darf ich ablegen . . . ? 

ROBERT FRANK 

Ich will dir helfen. Er versucht^ ihr aus dem Mantel zu 
helfen, 

JULIA CAMERON 

lächelt. 
Wie ulkig du dich dabei anstellst. Du hast 
gewiß keine Übung als Kavalier. Aber ein Mann wie 
du soll das auch nicht. So himmlisch ungeschickt, — 
gerade so hab ich dich gern . . . Danke schön . . . 
meinen Hut nehme ich selber ab — das ist ein Heilig- 
tum, an das du nicht rühren darfst. Meine Tante 

- 165 - 



behauptet, für uns Damen sei der Hut wichtiger als 
der Kopf . . . 

Sie setzen sich aufs Sofa und halten sich umschlungen, 

JULIA CAMERON 

Ich fass es kaum, ■ — wir sitzen hier so dicht bei- 
einander, und du nennst mich Stella, und ich darf 
dich Robert nennen. In meinen Gedanken habe ich 
dich schon lange so genannt - — wüßtest du nur, wie 
oft ich deinen Vornamen vor mich hingeflüstert habe. 
Nun aber darf ich ihn laut sagen zu dir. Ich allein 
darf es. Und außer mir keine ? 

ROBERT FRANK 

Außer dir keine. 

JULIA CAMERON 

Doch, ehe du mich kanntest — f 

ROBERT FRANK 

Du bist meine erste und einzige Liebe. 

JULIA CAMERON 

Aber hat man denn nicht bei jeder letzten Liebe 
das Gefühl, es sei die erste? 

ROBERT FRANK 

Darin habe ich keine Erfahrung. Liebschaften habe 
ich wohl gehabt. Doch ich habe nie geliebt — bis 
heute. Ich liebte dich im selben Augenblick, da ich 
dich sah. 

JULIA CAMERON 

Mir erging es genau so. Und weißt du, was mich 

~ i66 - 



sogleich bezaubert hat ? Die unbeschreibliche Art, 
wie du lächeltest. Weißt du noch, Robert, wie meine 
Tante es dir verriet — ? Ich wäre am liebsten in die 
Erde gesunken vor Scham, denn ich hatte einen töd- 
lichen Respekt vor dir . . . Merktest du nicht, wie 
verwirrt ich war? 

ROBERT FRANK 

Nein, denn ich war selbst von der ersten Begegnung 
so benommen, daß ich alle Mühe hatte, meine Haltung 
zu bewahren. 

JULIA CAMERON 

Denk an, — und ich hatte das Gefühl, du ständest 
unbeweglich da, wie eine Statue von Erz. Und ich, 
— wie ein bebendes Vögelchen kam ich mir vor. Und 
wie du mit mir sprachst, wurde ich mehr und mehr 
deine Beute. Hast du das auch nicht bemerkt ? 

ROBERT FRANK 

Nein, ich konnte wirklich nicht ahnen, daß meine 
Worte einen so starken Eindruck auf dich machten. 

JULIA CAMERON 

Die Worte waren es nicht allein, — es war der Mann, 
der sie sprach. Doch als du gegangen warst und ich 
zurückblieb, da gelobte ich mir, mich von diesem 
Zauber zu befreien. 

ROBERT FRANK 

Deswegen also hat es so lange gedauert, bis du dich 
sehen ließest. Und als wir uns das nächste Mal trafen, 
da hattest du dich gegen mich gepanzert. 

— 167 — 



JULIA CAMERON 

Ja, im Anfang widersprach ich dir — ich hielt mich 
für verpflichtet, mein armes kleines Glaubensbe- 
kenntnis zu verteidigen. Aber im Innersten sehnte 
ich mich, aufs neue zu unterliegen . . . Ach, Robert, 
Robert, — dieses Glücksgefühl, sich ganz hinzugeben . . . ! 
Sie wirft sieb an seine Brust, 

Kurze Pause, 

ROBERT FRANK 

Sieh mich an, Stella — 

JULIA CAMERON 

Was ist, Robert ? du v^^irst auf einmal so ernst . . . 

ROBERT FRANK 

Ich will dich etwas fragen. Und du mußt mir 
aufrichtig antworten . . . 

JULIA CAMERON 

Frag nur, Robert. 

ROBERT FRANK 

Sag mir eins — damals, als du mir aus dem Wege 
gingst, ist da nicht ein anderer Mann aufgetaucht? 
Ein Mann, der mir deine Seele beinah entfremdet 
hätte? 

JULIA CAMERON 

Nein, wie kannst du so etwas glauben ? 

ROBERT FRANK 
Du selbst hast den Verdacht in mir geweckt. Du 

- i68 - 



sprachst von einer gewissen Person mit so auffallender 
Wärme ... 

JULIA CAMERON 

Jetzt weiß ich, wen du meinst. Ja, ich könnt es 
mir nicht versagen, dich mit Herrn Levinski zu 
necken. Ich hatte die dunkle Empfindung, du seist 
eifersüchtig, und da wollte ich Gewißheit haben. 
Und mein Herz hüpfte und tanzte vor Freude, als 
ich es erreicht hatte . . . Daß du so leicht in die Falle 
gingst ! Ein so großer Mann ! Aber es stand dir ent- 
zückend. Ich hätte dich auf der Stelle umarmen 
mögen. 

ROBERT FRANK 

Warum sollt ich nicht in die Falle gehen ? Levinski 
ist doch nicht der erste beste. Obendrein ist er jung, 
er ist schön — ich bin keins von beiden. Und die 
Frauen pflegen doch gegen Vorzüge dieser Art nicht 
unempfindlich zu sein. 

JULIA GAMERON 

Willst du gleich diese häßlichen Reden lassen. 
Sonst zause ich dich an den Haaren. Denn jetzt ge- 
hörst du mir, und ich darf mit dir machen, was ich 
will. Etwa nicht? 

ROBERT FRANK 

Was du willst, Stella ... 

JULIA CAMERON 

Du sagst das so geistesabwesend. Denkst du noch 
immer an mein bißchen Koketterie ? Das war doch so 
unschuldig. 

— 169 — 



ROBERT FRANK 

Gewiß war es das . . . Nein, der Fehler war auf 
meiner Seite - — daß ich weiter zweifelte . • . 

JULIA CAMERON 

Wie konntest du noch zweifeln, nach dem, was 
gleich darauf geschah ? Ich zeigte dir doch deutlich 
genug, wie mein Herz dir entgegenflog. 

ROBERT FRANK 

Und doch blieb ein Stachel zurück. Ich fühlte mich 
deiner nicht ganz sicher. Und in meiner Ungewißheit 
ließ ich mich zu einem Schritt verleiten, der besser 
unterblieben wäre . . . 

JULIA CAMERON 
Wieso Robert? 

ROBERT FRANK 

Erinnerst du dich Stella, wie du sagtest, Levinski 
müßte ein Märtyrer werden, weil dann das Heldenhafte 
in ihm schlackenlos zur Erscheinung kommen würde . . . 

JULIA CAMERON 
Das war übrigens auch meine Ansicht. Er hätte sich 
gewiß herrlich ausg<tnommen als Märtyrer. Nun, er 
wurde es ja nicht. 

ROBERT FRANK 

Nein, er wurde es nicht, weil ich ihn daran hinderte. 
Ich wollte nicht, daß die Erinnerung an ihn von 
deiner Phantasie Besitz ergreife, 

— 170 — 



JULIA CAMERON. 

Das wäre nie geschehen. Er ist mir im Grunde 
sehr gleichgültig. 

ROBERT FRANK 

Aber dann war die ganze Sache noch obendrein 
überflüssig. Denn im Gedanken an dich habe ich 
Levinski begnadigt. 

JULIA CAMERON 

Im Gedanken an mich! Mir zuliebe hast du das 
getan! Sie fällt ihm um den Hals, Ach, Robert, ich bin 
so froh, so froh . . . ! 

ROBERT FRANK 
Froh bist du, zu hören, daß ich Willkürlichkeiten 
begangen habe? 

JULIA CAMERON 
Ja, warum nicht — wenn du sie doch aus Liebe 
begangen hast . * . 

ROBERT FRANK 
Gerade das war verkehrt. Ich hätte Liebe und 
Politik nicht verquicken dürfen. 

JULIA CAMERON 

Du meinst, es war unklug, ihn zu begnadigen, weil 
es dir politisch schadete? 

ROBERT FRANK 

Nein, so meinte ich's nicht. In dieser Hinsicht war 
die Sache bedeutungslos, 

JULIA CAMERON 

Aber dann ist ja alles in Ordnung. Wenn es keine 
Folgen gehabt hat . . . 

- 171 -- 



ROBERT FRANK 

Nicht auf die Folgen allein kommt es an, ' — sondern 
auch auf die Handlung an und für sich . . . Was ich 
sonst auf mich geladen habe, das geniert mich nicht. 
Denn das geschah allein im Interesse der Sache. 
Aber die Geschichte mit Lewinski gehörte nicht zur 
Sache, und darum war sie vom Übel. 

JULIA CAMERON 

Vom Übel ? Aber, Robert, das kann man von deiner 
Tat doch nicht sagen. Hättest du einen Menschen 
aus rein persönlichen Gründen geopfert, — ja, das 
wäre entsetzlich. Aber hier ist ja im Gegenteil ein 
Mensch gerettet worden ... 

ROBERT FRANK 

Darin sehe ich keinen mildernden Umstand. Man 
soll nicht seine Hand dazu leihen, einen Menschen zu 
retten, den die Logik der Dinge zum Untergang ver- 
urteilt hat. 

JULIA CAMERON 

Ist es denn so schlimm, gegen die Logik der Dinge 
zu verstoßen? 

ROBERT FRANK 

Ja, es ist ungefähr ebenso schlimm, als wenn man 
schlechte Verse macht. Denn in beiden Fällen ver- 
sündigt man sich an Reim und Rhythmus. 

JULIA CAMERON 

Du sagst das wie im Scherz; aber ich fühle, du 
meinst es ernster, als es scheint. 

— 172 — 



ROBERT FRANK 

Es ist auch eine ziemlich ernste Sache, sich über 
Konsequenz und Ebenmaß und Einklang hinwegzu- 
setzen . . . Die Harmonie ist im Grunde das einzige 
Gesetz, das nie beleidigt werden darf . . . 

JULIA CAMERON 

Mir wird so angst, Robert. Ich möchte um alles 
in der Welt nicht etwas verursacht haben, das du 
bereuen müßtest. 

ROBERT FRANK 

Mach dir keine Sorgen, Stella. Es war dumm von 
mir, dich mit diesen zwecklosen Skrupeln zu plagen. 
Aber daran ist sicher die Dämmerung schuld. Wenn 
es auf den Abend geht, schleicht sich uns Schwermut 
ins Herz . , . Er steht auf. Was meinst du, Stella, — 
soll ich Licht machen? 

JULIA CAMERON 

Nein, es ist noch zu hell. Und dann ist es so schön, 
im Zwielicht ' — so intim, finde ich — Du bist mir 
gewissermaßen noch näher . . . Aber warum bleibst 
du nicht bei mir, Robert? 

ROBERT FRANK 

macht am Schreibtisch Halt und betrachtet sie. 
Weißt du Stella, wenn ich dich so aus der Ent- 
fernung ansehe, wie du da in der Dämmerung sitzt, 
so gleichst du dir immer mehr. Deine Züge, deine 
Umrisse verschwinden, aber du selbst trittst deutlicher 
vor mich hin. 

- 173 - 



JULIA CAMERON 

Gleiche ich denn nicht immer mir selbst ? 

ROBERT FRANK 

Keiner gleicht immer sich selbst. Unser wahres 
Bild zeigt sich nur momentweise. 

JULIA CAMERON 

Unser wahres Bild ? 

ROBERT FRANK 

Ich meine die Wahrheit, die die Wirklichkeit uns 
verbirgt. Die Wahrheit an einem Menschen, die er- 
fassen wir nur in einzelnen Augenblicken. Aber gleich 
kommt die Wirklichkeit mit all ihren Nebendingen 
und verschleiert den Eindruck . . . Hast du niemals 
diese Erfahrung gemacht ? 

JULIA CAMERON 

Mit dir habe ich nur die Erfahrung gemacht: je 
mehr ich von dir in der Wirklichkeit gesehen habe, 
desto tiefer hab ich dich lieben müssen. 

ROBERT FRANK 
Du darfst nicht glauben, ich liebe dich weniger, 
Stella, weil ich dich so wiedersehen möchte, wie ich 
dich das erstemal sah, als unsere Blicke sich trafen. 
Du weißt nicht und kannst nicht wissen, was mich 
treibt, die Erscheinung aufs neue zu beschwören . . . 

JULIA CAMERON 
Du sagtest, du habest das Gefühl des Wieder- 
findens gehabt ... 

- 174 - 



ROBERT FRANK 

Ja, aber das war es nicht allein. 

JULIA CAMERON 

Was denn sonst noch ? Kannst du mir's nicht 
sagen, Robert? 

ROBERT FRANK 

Es ist schwer zu erklären . . . Als ich dich ansah, 
Stella, und als du mich ansahst, — ■ — wie soll ich dir 
beschreiben, was mich in der Sekunde durchfuhr. Es 
war wie ein Blitzstrahl in der Nacht, ein jäher Blick 
in einen geheimnisvollen Zusammenhang, der uns 
beide umschloß. Ich hatte die Vision von etwas 
Großem und Unbestimmtem, was du mir brachtest, — 
es war mir wie eine Vorahnung und zugleich wie eine 
Erinnerung. Denn das Unaussprechliche, das ge- 
schehen sollte, das war schon vollbracht — ich ersah 
es in der Ewigkeit, die weder Vergangenheit noch 
Zukunft hat , , , Er hält inne und betrachtet sie aufs neue, 
Stella, — jetzt ist es, als stiege dein Bild vor mir auf 
wie damals! Dein Antlitz ist so wunderlich bleich, 
deine Augen werden so überirdisch dunkel . . . 

JULIA CAMERON 

steht auf und geht zu ihm hin. 
Nein, Robert, nichts Überirdisches ist an mir, und 
ich will nicht als ein Schattenbild nur geliebt sein. 
Soll ich denn etwa eifersüchtig werden auf mein eigenes 
Phantom? Kannst du mich nicht so nehmen, wie ich 
bin? Kann denn meine grenzenlose Liebe dir nichts 
bedeuten? Meine Liebe zu dir, Robert, wie du gehst 

- 175 - 



und stehst, und nicht zu einem Bilde, das man erst 
beschwören muß ... 

ROBERT FRANK 

Du bist im Irrtum, Stella — wahrlich: nicht als 
Bild nur liebe ich dich! Du darfst mir glauben: 
hundertmal hab ich mich nach deiner leibhaftigen 

Erscheinung gesehnt es schwindelte mir bei dem 

Gedanken, dich in meinen Armen halten, dich um- 
schlingen, dich an meine Brust drücken zu dürfen . * . 
Er zieht sie heftig in seine Arme, 

JULIA CAMERON 

verbirgt sich an seiner Brust, 
O, Robert . . . blickt %u ihm auf. Aber sag mir, kann 
ich dir auch etwas sein, wirklich etwas sein? Etwas 
mehr als eine flüchtige Leidenschaft . . . 

ROBERT FRANK 

Ob du mir etwas sein kannst ? Du bist mein Ein und 
Alles. Du bist meine einzige Freude auf dieser gott- 
verlassenen Erde. 

JULIA CAMERON 

Ist das wahr, Robert . . . Willst du glauben : ich 
könnte das Schicksal beinahe segnen für das Miß- 
geschick, das es dir gesandt hat. Ich weiß, es ist un- 
recht von mir — aber sie hat etwas so Verlockendes, die 
Vorstellung, daß ich Dir vielleicht helfen kann. Ich 
meine nur: dir helfen, die finsteren Gedanken zu ver- 
jagen ... 

ROBERT FRANK 

Die hast du schon verjagt, Stella. Durch deine 

— 176 — 



Worte, deinen Blick, deine holdselige Gegenwart. 
Deine Liebe ist wie Harfenspiel • — sie vertreibt die 
bösen Geister. 

JULIA CAMERON 

Wenn du das doch immer so empfinden möchtest, 
Robert. Ich wüßte auf der Welt nichts, was ich nicht 
täte, um deine Seele von der Last der Erinnerungen 
zu befreien. 

ROBERT FRANK 

Der Erinnerungen — nein, die sind ins Leere ge- 
schwunden . . . Die Niederlage und das Ungemach 
und der Kampf und das Getümmel und das Blut, das 

geflossen all das liegt weit, weit hinter mir wie 

ein goldener Nebelstreif. 

JULIA CAMERON 

Goldener Nebelstreif...? 

ROBERT FRANK 

Ja, jetzt erscheint mir das alles wie eine Zeit voll 
heimlicher Verheißungen, wie eine unbewußte Vor- 
bereitung zum Fest. Denn das war ja der Weg und 
das Tor zu meinem neugefundenen Paradies ... 
Was hätte die Vergangenheit mir sonst zu bedeu- 
ten . . . Du und ich hier in der Dämmerung ■ — Stille 
um uns her — ist es nicht, als sei die ganze Welt ver- 
sunken, als wanderten wir in einem Traumland mit 
tiefen Wäldern — außer uns keiner — wir beiden 
allein . . . 

12 — 177 — 



JULIA CAMERON 

schmiegt sich an ihn. 

Wir beiden allein . . . Robert, dies Glück — so 
sinnverwirrend, so wundersam . . . ^ie begegnen sich in 
einer langen Umarmung, 

Man hört, wie draußen jemand an der Tür tastet. Die beiden 

lassen einander los, 

Levinski erscheint; ausgezehrt und hohläugige 

Kurze Pause, 

LEVINSKI 

Ich trete unangemeldet ein. Aber ich lege kein 
Gewicht auf Förmlichkeiten. 

ROBERT FRANK 

Es scheint so . . . Darf ich fragen, was Sie von mir 
wünschen ? 

LEVINSKI 

Ich bin gekommen, um eine Erklärung von Ihnen 
zu fordern. 

ROBERT FRANK 

Soso. Aber Sie kommen zu ungelegener Zeit. Sie 
sehen, ich habe Besuch. 

LEVINSKI 

Miß Cameron kann ruhig hören, was ich zu sagen 
habe. Und ich werde mich kurz fassen. Aber ich muß 
Sie jetzt sprechen. Ich kann es nicht aufschieben. 

ROBERT FRANK 

Nun, wenn Sie durchaus wollen ... 

~ 178 - 



LEVINSKI 

Zunächst eine Frage. Sie haben mich „begnadigt", 
wie die Leute das nennen. Aber ich danke Ihnen nicht 
dafür. Denn finden Sie nicht selbst: ich hatte mir 
ein Recht erworben, das Schicksal meiner Kame- 
raden zu teilen? 

ROBERT FRANK 

Ja, das hatten Sie unleugbar. 

LEVINSKI 

Das geben Sie also zu. Und doch betrogen Sie mich 
um dieses Recht. Den andern war es vergönnt, für 
ihre Sache zu leiden — mir allein blieben die Ehren des 
Martyriums versagt. Ich war ahnungslos, solange ich 
im Gefängnis saß. Erst nachdem ich freigelassen war, 
erfuhr ich die niederschmetternde Wahrheit. Man 
fragte mich nach dem Sachverhalt, und ich konnte 
nichts antworten. Damit war ich als Verräter ge- 
brandmarkt. Wohin ich mich auch wandte, überall 
kehrte man mir den Rücken, zuckte man verächtlich 
mit den Achseln, trafen mich Blicke des Hasses. Ich, 
dem einst die Arbeiter wie einem Messias zugejubelt 
haben, bin nun ein Judas, der unter ihren Verwün- 
schungen zusammenbricht. Das ist Ihr Werk, Robert 
Frank. Doch jetzt werden Sie mir Rechenschaft 
geben . . . 

JULIA CAMERON 
Herr Levinski, was Sie da sagen, tut mir entsetzlich 
leid — denn ich fürchte, ich bin schuld . . . 

12* -- 179 — 



LEVINSKI 

Sie, Miß Cameron ? Was haben Sie mit dieser Sache 
zu schaffen ? . . . Haben Sie etwa Fürbitte für mich 
getan — und hat das den Ausschlag gegeben? Dann 
haben Sie schlimmer an mir gehandelt als mein ärgster 
Feind. 

JULIA CAMERON 

Nein, so ist es nicht gewesen - — es geschah auf ganz 
andere Weise — nein, ich kann es Ihnen unmöglich 
erklären ... 

ROBERT FRANK 

Miß Cameron wußte nicht einmal, daß ich die Ab- 
sicht hatte, Sie zu begnadigen. Ich allein trage die 
Verantwortung. 

LEVINSKI • 

Aber aus welchem Grunde taten Sie's? Ich will 
den Grund wissen ... 

ROBERT FRANK 

Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben. 

LEVINSKI 

Sie haben meine Existenz vernichtet, doch Sie wollen 
mir nicht sagen, warum. Das — finde ich — könnte 
ich doch billigerweise fordern. Aber Ihr Motiv ist 
wahrscheinlich von der Art, daß selbst ein Mann von 
Ihrem Kaliber es nicht gern zugibt. 

ROBERT FRANK 

Glauben Sie, was Sie wollen. 

- i8o - 



LEVINSKI 

Ich glaube nicht mehr — ich habe Gewißheit. Jetzt 
ist mir Ihre Absicht klar. 

ROBERT FRANK 

Das möcht ich doch sehr bezweifeln. 

LEVINSKI 

Soll ich Ihnen sagen, was dahinter steckte ? Sie 
wollten die ganze Arbeiterbewegung in mir, ihrem 
Führer, treffen. Meine Schande sollte auf die Sache 
selbst zurückfallen. Und die Arbeiter sollten von 
Ekel und Mißtrauen erfüllt werden. Dann wären ihr 
revolutionärer Wille und ihre Kräfte für lange Zeit 
gebrochen . . . Was Sie im Schilde führten, das war 
nichts mehr und nichts weniger als ein seelischer 
Giftmord. 

ROBERT FRANK 

Das Motiv, das Sie mir unterschieben, mag plausibel 
klingen. Aber trotzdem sind Sie im Irrtum. 

LEVINSKI 

Warum sollten Sie zögern, Seelen zu vergiften, da 
Sie doch vor all den anderen Mordtaten nicht zurück- 
geschreckt sind?! Wollen Sie mir bitte sagen, ob es 
ein Verbrechen gibt, so groß, daß Sie es nicht für er- 
laubt hielten? 

ROBERT FRANK 
Mein bester Herr Levinski, diese Frage ist nicht so 
ohne weiteres zu beantworten. Ob ein großes Ver- 
brechen erlaubt ist oder nicht, das hängt von dem 

- l8l - 



Beweggrund ab und von dem Manne selbst — ob er 
auf der Höhe seines Verbrechens steht, ob er die rich- 
tigen Dimensionen hat. 

LEVINSKI 

Und Sie haben natürhch die richtigen Dimensionen, 
deshalb treten Sie alle menschlichen Rücksichten mit 
Füßen. Was sind die Menschen Ihnen? Nicht Mit- 
geschöpfe, sondern Material für die Ausführung Ihrer 
Pläne. Es ist klar wie der Tag, — Sie wollten über der 
Gesellschaft als eine Art Vorsehung schweben, wollten 
den Herrgott auf Erden spielen. Aber in Ihrem 
blinden Übermut — ist es Ihnen da niemals einge- 
fallen, es könnte eines Tages ein anderer Mann er- 
scheinen, der die Lust und — die Dimensionen hätte, 
Ihnen selbst gegenüber Vorsehung und Herrgott zu 
spielen . . . ? 

ROBERT FRANK 

Wir wollen nicht abschweifen und uns lieber an die 
Sache halten. Vermutlich sind Sie nicht meiner, 
sondern Ihrer Affären wegen hier. Sie hatten das 
Malheur, in eine falsche Beleuchtung zu kommen; 
dieser Situation wollen Sie nun ein Ende bereiten. 
Das, nehme ich an, ist der Zweck Ihres Besuchs. 

LEVINSKI 

Ja, ein Ende will ich machen, denn dieses Leben ist 
nicht zu ertragen. Ich hätte Sie schon früher aufge- 
sucht, aber ich habe schwerkrank gelegen. Und mehr 
als einmal habe ich den Tod herbeigerufen als Befreier, 
und als er nicht kommen wollte, da dachte ich an 
Selbstmord. Aber ich sah ein, ich mußte weiter leben, 

- 182 - 



um meine Ehre wiederherzustellen. Und Sie, Robert 
Frank ,der meine Erniedrigung verschuldet hat, Sie sollen 
mir auch zu meiner Wiederaufrichtung verhelfen. 

JULIA CAMERON 

Ja, das könntest du doch, Robert ? Du mußt es 
wirklich wieder gutmachen ! Ich flehe dich an . . . 

ROBERT FRANK 

Ich bin nicht abgeneigt, eine schriftliche Erklärung 
abzugeben, wenn das Ihnen genügen kann. 

LEVINSKI 

Und was soll diese Erklärung enthalten? 

ROBERT FRANK 

Daß Sie nichts getan oder gesagt haben, um Ihre Be- 
gnadigung zu erreichen. Daß Sie insofern schuldlos sind. 

LEVINSKI 

Das wird auch nur wieder als Hilfe — zum Dank 
für den Verrat aufgefaßt werden. Die Leute werden 
nach wie vor fragen, warum ich denn eigentlich frei- 
gelassen wurde. Es sei denn, Sie gäben eine offene 
Erklärung über den wahren Grund ab. Aber mit dem 
wahren Grund halten Sie ja hinter dem Berge. 

ROBERT FRANK 
Ja, den behalte ich für mich. D a mit hat die Öffent- 
lichkeit nichts zu schaffen. 

LEVINSKI 

Ist das Ihr letztes Wort ? 

- 183 - 



ROBERT FRANK 
Mein letztes Wort in dieser Hinsicht. 

LEVINSKI 

Ja, dann werden Sie mir schon auf andere Art 
helfen müssen. 

ROBERT FRANK 

Ich weiß nicht recht, wie das geschehen sollte. 

JULIA CAMERON 

Aber könntest du denn nicht über die Sache nach- 
denken, Robert ? Ich bin sicher, es wird sich ein Aus- 
weg finden lassen. 

ROBERT FRANK 

Ich werde sehen, ob es ein Mittel gibt. Doch ich 
zweifle. 

LEVINSKI 

Geben Sie sich keine Mühe. Ich habe das Mittel 
gefunden. Sie können mir helfen — und das auf eine 
Art, die jeden überzeugt, daß zwischen Ihnen und mir 
niemals ein Pakt bestanden hat. 

ROBERT FRANK 

nach kurzer Pause. 
Mag sein. Aber ich meine^ wir sollten diese Frage 
nicht in Miß Camerons Gegenwart erörtern. Wir 
können uns später sprechen. Morgen, wenn Sie wollen. 

LEVINSKI 

Nein, morgen werden wir uns nicht mehr sprechen . . . 

- 184 - 



Denn für Sie, Robert Frank, wird es kein morgen 
geben . . . 

Er zieht einen Revolver aus der Tasche und gibt einen Schuß ab, 
Robert Frank greift sich an die Brust und wankt. Julia Cameron 
will den Revolver Levinskis Hand entreißen. Er schleudert sie fort 
und gibt noch einen Schuß ab, und einen dritten, einen vierten, 
Robert Frank stürzt zu Boden und bleibt unbeweglich liegen, 

JULIA CAMERON 

wirft sich neben Robert Franks Leiche, 
Robert! Robert! Um Gotteswillen, kannst du mir 
nicht antworten . . . ! 

LEVINSKI 

starrt hin. 
Er rührt sich nicht mehr . . . 

JULIA CAMERON 
Robert! Robert! . . . Barmherziger Gott, er ist tot! 
Er ist tot! 

LEVINSKI 

Gerechtigkeit — nur Gerechtigkeit . . . 

JULIA CAMERON 

Tot . . . tot . . . 

LEVINSKI 

mit großer Gebärde, 

Sic semper tyrannis! 

Ende 



Vom gleichen Verfasser ist erschienen: 

MENSCHLICHE QUINTESSENZ 

Essays. Geheftet 4 Mark, in Leinen 5 Mark. 

Inhalt: Natur und Mensch / Warum die Politik rückständig ist / 
Von Menschenanlagen und von Menschenkunst / Von großen 
Männern. 

Mit scharfem Verstände und ungewöhnlichen Kenntnissen ausge- 
rüstet, schürft Ibsen sehr tief und bringt manches Goldkorn zu- 
tage. So schon im ersten Kapitel, wo er der grausamen Sinn- 
losigkeit der Natur den Menschen gegenüberstellt, der bewußt 
nach einer Welt der Vernunft und Gerechtigkeit strebt. Das zweite 
Kapitel findet die Ursache der Rückständigkeit der Politik darin, 
daß die Politik vornehmlich auf Macht ausgeht und die Anforde- 
rungen der Vernunft und der Gerechtigkeit beiseite läßt. Sehr lesens- 
wert sind auch die Kapitel über natürliche Anlagen und deren Aus- 
bildung, über große Männer und Heroen-Verehrung. Überhaupt 
vermag das Buch den denkenden Leser vom Anfang bis zum 
Schluß zu fesseln und anzuregen; die leise Ironie, die mehrfach 
durchbricht, und die etwas pessimistische Grundstimmung, die das 
Buch durchzieht, geben ihm noch einen besonderen Reiz. 

(Frankfurter Zeitung) 

Unerschrocken beleuchtet Ibsen, und mit wohlbedachter feiner 
Beredsamkeit, alle die wunden Punkte am Staats-, Volks- und 
Gesellschaftskörper, von denen aus die Not und Sehnsucht unserer 
Tage zu heilen, zu erfüllen wären. Das Buch ist nicht für Po- 
litiker geschrieben — es ist für die breiten Schichten derer ge- 
dacht, die denkfähig und urteilsreif geworden. Das Buch ist, im 
spezifisch literarischen Sinne, glänzend geschrieben: mit warmem 
Herzen verstehend, mit klarem Kopf überzeugend, von einer 
meisterlichen Feder geführt. Selbst für die skandinavische Literatur 
eine ungewöhnliche Gabe. (Nord und Süd, Breslau) 



Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig 



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